Abenteuer im Kopf

Zweieinhalb Monate im neuen Job – und schon habe ich eine Ahnung davon, warum ich als Nachtschicht-Taxifahrer jahrelang einen interessanten Blog betreiben konnte, man solche über Bürojobs aber eher selten findet: Es ist anstrengend und auch deutlich schwieriger. Und wenn es nur deswegen ist, dass sich natürlich in so einem Umfeld kein Kollege irgendwo – und sei es anonymisiert – im Netz wiederfinden will. Von der Leitungsebene ganz zu schweigen.

Nicht, dass es nicht genug interessantes von meiner neuen Arbeit zu berichten gäbe – wie üblich sogar vieles, das einer Verbesserung des Rufes zuträglich wäre – aber vermutlich müsste man schon aus Schweigevereinbarungsgründen etliche Anträge stellen, über die sich bis Mitte der 2030er nicht einmal jemand sicher wäre, wer sie bearbeiten darf. Manchmal ist Verwaltung halt einfach, wie man sich Verwaltung vorstellt.

Andererseits in meinem Fall natürlich auch wieder gar nicht, denn ich habe wirklich großes Glück, in der wohl verwaltungsunähnlichsten Abteilung zu arbeiten, die die Verwaltung so mit sich bringt und unser Tagesgeschäft doch deutlich spannender ist als das, was sich die meisten unter einem Bürojob vorstellen. Und die Krawattendichte ist auch deutlich geringer. Noch was: Ich hab nachgeschaut: Alleine die Grafikkarte meines Arbeitsplatzrechners kostet etwa so viel wie mein Low-Range-Gaming-PC* und doppelt so viel RAM hat er auch. Aber für die Verkehrslernsoftware GTA war dann wieder kein Geld da! 🙁

Trotzdem: 38,4 Stunden + ca. 12 Stunden Arbeitsweg pro Woche hauen auch mengenmäßig so rein, dass am Ende des Tages wenig Elan zum Bloggen bleibt. Nicht, dass die Zeit nicht da wäre, aber ich will ehrlich sein: Wenn ich nach der Nachtschicht und der Heimreise das Spätzle in die Kita gebracht habe und mir noch 7 Stunden zum Schlafen bleiben, ich davon eine als Computerzeit abknapse … dann spiele ich lieber GTA, als ins Internet zu kloppen, wie müde ich bin.

Die Schichtarbeit selbst kommt mir gerade irgendwie noch ganz recht, weil es einfach eine gehörige Portion Abwechslung in den Tagesablauf bringt. Dass ich jetzt gerade** für die Frühschicht um kurz nach 3 Uhr aufgestanden bin, ist sicher alles andere als toll und jeden Tag würde ich das nicht machen wollen – aber für zwei Tage und dazu als Kontrast zur Nachtschicht letzte Woche ist das schon echt ok.

Die Frühschicht bringt mich auch am ehesten völlig aus dem Takt, denn abends um 21 Uhr ins Bett gehen ist so dermaßen gegen meinen natürlichen Rhythmus, dass es eigentlich nur klappt, weil ich es im Grunde zur Abwechslung lustig und absurd finde. Was mein Gehirn auch ganz sportlich zu interpretieren weiß. Die ersten Stunden meines Schlafes vorher zum Beispiel bin ich ungelogen 20 bis 30-mal aufgewacht. Um dann festzustellen, dass ungelogen erst zwei Stunden vergangen waren. Das ist natürlich in erster Linie extrem ungesunder Schlaf und etwas, das wirklich nur vereinzelt und nur zum Nacht-Früh-Wechsel auftauchen sollte, aber es war auch faszinierend, weil ich während der Zeit ernsthaft was geträumt habe. Und da kommen wir dann auch zum Titel, denn irgendwie scheint mein Hirn immer noch so ein kleines Bisschen kreativ sein zu wollen und hat mir eine wunderbare Traumlandschaft aufgetan, in der ich mich auf eine abenteuerliche Fahrradtour mit meinem Bruder begeben habe. Wir sind mit zu knappen Ressourcen und verletzt in absurden Künstlerkolonien gelandet, die obskurste Bedingungen und Angebote für Übernachtungen gestellt haben. An einem Ort gab es beispielsweise einen Band-Kapu*** kostenlos dazu, wenn man eine Nacht übernachtet, dabei aber seine Rucksäcke als Materiallager der Rezeption überlässt.

Da war er dann mal wieder: Der Gedanke: Das musste aufschreiben! Der hat mich wie gesagt in letzter Zeit nur selten gestreift..

Tatsächlich wäre natürlich auch das Spätzle stets berichtenswert. Er lernt gerade mit beeindruckender Geschwindigkeit sprechen, entwickelt dabei ein so faszinierendes Vokabular, dass gerade ich als sprachinteressierter Mensch nur staunen kann. Aber kaum, dass man das getippt hat, wird er wieder mal krank, man muss den Arbeitstag abbrechen, alles umorganisieren und weiß kaum noch, warum man gerade etwas darüber schreiben wollte, wie lustig es ist, dass er neben den üblichen Ein- bis Zwei-Wort-Sätzen in der Kita ein erstaunlich ironisch klingendes „Was ist das?“ aufgeschnappt hat, das er nun empört immer dann fragt, wenn gerade mal keine Straßenbahn auf dem Bild zu sehen ist, das er untersucht.

Es ist furchtbar anstrengend und es ist 3.30 Uhr. Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Deswegen also so wenige Blogartikel.

*bevor da jetzt irgendwer wieder mosert: Ja, bei den Rechnern ist teilweise Luft nach unten, aber die werden für 24/7-Live-Video-Rendering gebraucht, Geldverschwendung prangert man dann doch besser woanders an.

** „jetzt gerade“ ist schon ein paar Tage her, ich schreibe den Artikel tatsächlich in Etappen.

*** Eigentlich war es ein Kapu, der die Warped-Tour ’97 beworben hat, aber wer kann sowas heute noch einordnen?

7 Comments

Filed under Familie

7 Responses to Abenteuer im Kopf

  1. Schön, dich mal wieder zu lesen!

  2. Edgar

    Was machst Du denn genau zu so unmöglichen Zeiten?

  3. @Edgar:
    Dafür sorgen, dass die Ampeln in Berlin funktionieren und der Verkehr auf der Stadtautobahn rollt.

  4. Anonymous

    Aha verkehrsleitstelle
    dann Willkommen im Offentlichen Dienst (bin auch einer von den Landesangestellten aber in Hessen)

  5. @Anonymous:
    Offiziell Verkehrsregelungszentrale. 🙂

  6. Edgar Ladwig

    Scheisse hab beim letzten Kommentar den namen vergessen
    vermisse GNIT und die Storries

  7. @Edgar Ladwig:
    Das geht mir natürlich stellenweise auch so. Ich würde gerne wieder von meinem Job bloggen können und sogar die ein oder andere Taxifahrt würde ich nach wie vor gerne mal wieder machen. Andererseits bin ich aber wirklich durch damit und gerade sehr froh über meinen neuen Job.

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