Faktenfreie Politik

Leute, bitte! Schaltet Euer Hirn an!

Ich weiß, mit so einer Aufforderung klingt man heutzutage kam mehr anders als ein Verschwärungstheoretiker, der die Welt glaubt, endlich begriffen zu haben und tatsächlich doch eher im eigenen Klo die Kackreste nach Chemtrail-Spuren durchknetet, ohne daran zu denken, dass die eigenen Körperausscheidungen vielleicht aus anderen Gründen nicht gerade verzehrfertig wirken.

Politik ist eine wilde Geschichte und meinen Ärger darüber, wie viel Prozent die AfD in Berlin – oder noch schlimmer: in meinem Bezirk, in meinem Wahlkreis – bekommen hat, kann man in vielerlei Hinsicht einfach damit abtun, dass Menschen eben verschieden sind, verschieden denken, verschieden fühlen. Politik war nie eine Null-Eins-Entscheidung und ich muss trotz aller Gegenwehr gegenüber faschistischen Tendenzen inzwischen auch zugeben: Ja, ich verstehe das. Irgendwie. Ein Bisschen. Ein besseres Gefühl verordnen geht leider nicht. Ich würde Rassisten gerne das Gefühl nehmen können, sich in Anwesenheit von Menschen mit dunklerer Hautfarbe unwohl zu fühlen, aber das kann ich nicht.

Der Treppenwitz der Geschichte ist: Eigentlich gibt es ein Mittel dagegen: Fakten.

Wir Menschen sind inzwischen im Zeitalter von Elektronik und künstlicher Intelligenz angekommen, wir haben für so ziemlich alles zumindest vorläufige wissenschaftliche Modelle entwickelt. Die sind nicht immer perfekt, aber immerhin das Beste, was wir bisher haben. Und ihnen allen ist gemein, dass sie am Ende zu dem Ergebnis kommen, dass das, was die AfD fordert, Bullshit ist.

Es mag den ein oder anderen versöhnlich stimmen, dass der Klimawandel angeblich unabhängig von menschlichem Einfluss ist, manch Bibelhöriger mag Homosexualität weiter als Ergebnis einer linkgsgrünversifften Umerziehung sehen und wieder andere mögen Flugzeuge als Unheilsbringer sehen, die uns absichtlich Giftstoffen aussetzen.

Als Theorie ist das alles von der Meinungsfreiheit gedeckt und daran will nicht einmal ich rütteln. Überprüft die Daten, die Regierung, die Konzerne, bitte gerne! Das darf nicht nur so sein, das soll und muss Teil der Gesellschaft werden oder bleiben!

Aber wir haben nun inzwischen das Jahr 2016, wir müssen auch ein wenig realistisch sein. Mehr als ein halbes Jahrhundert Raumfahrt mit allen angefallenen Daten lässt einem Hobbyingenieur, der in seiner Garage Einsteins Relativitätstheorie widerlegt haben will, eben nicht mehr allzu viel Spielraum. Es gibt einfach Grenzen, die eben nicht politisch gezogen, sondern einfach real sind. Egal, ob man sie mag oder nicht.

Krasser Break: Flüchtlingspolitik.

Berlin ist im letzten Jahr bekannt geworden dafür, dass am LAGESO unendlich lange Schlangen existierten. Geflüchtete, die einfach nur registriert werden wollten, um irgendwie überhaupt mal „ins System“ zu kommen – also Lebensmittelgutscheine und ein paar Euro Direkthilfe zu bekommen – standen teilweise tagelang an und mussten von freiwilligen Helfern mit Wasser versorgt werden, damit sie nicht umfallen. Das wurde (glücklicherweise) als Skandal betrachtet und etliche Medien berichteten darüber. Immerhin.

Ich hab vor ein paar Wochen mit ein paar Rassisten gesprochen. Nur so mittel freiwillig, aber man nimmt ja mit, was man kriegt. Die beiden (ein Ehepaar) haben in Berlin drei Unternehmen. Zwei Restaurants und eine Firma, die im Baugewerbe angesiedelt ist. Sie mögen ihre Schwierigkeiten haben, das will ich den beiden nicht absprechen. Wir haben es alle nicht leicht. Aber während sie nebenbei die Kneipe, in der wir saßen, als „Goldgrube, wenn das so weitergeht“ bezeichneten, bemängelten sie, dass „den Flüchtlingen“ im Gegenzug ja „alles geschenkt“ würde. Und ich  hab nachgefragt, sie meinten das ernsthaft. Obwohl ich einwarf, dass die ja erst recht ihre Probleme mit der Bürokratie und den entsprechenden Ämtern hätten, stand für das nette deutsche Unternehmerpaar fest, dass Flüchtlinge in Deutschland ja nur reingewunken werden, umgehend HartzIV plus irgendeinen Bonus, eine Gewerbeanmeldung, freie Verköstigung, problemlosen Familiennachzug, Steuererleichterungen und vermutlich darüber hinaus noch zwei Millionen Euro in bar bekommen. Und um ehrlich zu sein: Ich übertreibe nur beim letzten Punkt.

Dass das Bullshit ist und Flüchtlinge weit tiefer in der ungeliebten Bürokratie feststecken als wir Deutsche uns das je vorstellen könnten: Egal, weil „Ich weiß, dass es so ist!“.

Es ist nicht einmal wichtig, von welchen Youtube-Apologeten diese Leute ihr „Wissen“ beziehen. Idioten und Verschwörungstheoretiker gibt es ja nun zuhauf, da will/soll/muss man niemanden besonders hervorheben. Die in meinen Augen besonders dramatische Entwicklung ist dementsprechend auch nicht, dass es hier und da Idioten gibt. Das ist ok, ganz ehrlich. Inklusive Reichsbürgern und Homöopathen.

Schwierig wird es aber da, wo wider besseres Wissen Politik gemacht wird. Da, wo einwandfrei nachgewiesene Unwahrheiten als Wahrheit verkauft werden, da wo es nicht einmal mehr um abstrakte Graubereiche geht, sondern wo Lügen passen, wenn sie nur den aktuellen Kurs unterstützen.

Natürlich: Ich hab auch meine Meinung und die ist für viele oft zu weit links der Mehrheit.Das könnt Ihr mir gerne negativ auslegen und so unfassbar weh es mir  hier und da auch tut: Weisst mich auf Widersprüche hin, kritisiert mich, sagt mir Eure Meinung! Denn es gibt eines, was ich mir auf die Fahne schreiben kann: Ich bin nicht perfekt, ich habe nicht heute schon und ohne Zweifel die Lösung für alle Probleme dieser Welt.

Und genau deswegen würde ich nie einen Drecksverein wie die AfD wählen, die so einen Bullshit behauptet.

Und da geht es eben nicht darum, ob ich links bin, ob ich die (aktuelle) Regierung mag (Nein, mag ich nicht!), sondern einfach nur darum, ob ich meine Überzeugung daran ausrichte, was ist; oder daran, was vielleicht sein könnte, würde alles ganz anders sein als alles, was mir auch nur von Bekannten in einer mir nach undurchsichtigen Algorithmen durcheinandergewürfelten Reihenfolge in die Timeline gespült wird.

Wegtreten!

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4 Comments

Filed under Politik

4 Responses to Faktenfreie Politik

  1. bard jun.

    Lieber Sash,

    seit wann helfen denn Fakten gegen Rassisten/Faschisten?
    Wenn dann meine Vorurteile auch noch von einer etablierten Schwestern(?!)-Partei bestärkt werden, warum denn nicht gleich die neue N.xi-Partei wählen?

  2. @bard jun.:
    Ja, Fakten helfen offensichtlich nicht. Mir ging’s so gesehen aber auch genau um diese Metaebene: Denn was, wenn nicht Fakten, sollte am Ende eine Entscheidung bewertbar machen? Und die wenigsten Wähler wollen ja faktenfrei entscheiden, sie glauben halt bisweilen bloß vorschnell vermeintlich richtiges ohne es zu überprüfen.

  3. bard jun.

    Hi Sash,
    wenn Du dir die Umfrageauswertungen zu den Wahlen MeckPommes und Bärlein ansiehst, wirst Du feststellen, daß 2/3 bis 3/4 der A..fD-Wähler angeben, ‚das Vertrauen in die etablierten Parteien‘ verloren haben und aus Protest A..fD gewählt haben.
    HaHaHa! Also trauen wir nicht mehr denen, die jahrzehntelang so gut es eben ging einen Sch..Job für ehrlich gesagt wenig Geld (verglichen mit den Konzernbossen) gemacht haben und vertrauen wir Leuten, die bisher außer einer großen, brauneingefärbten Klappe nichts bewiesen oder bewirkt haben und die nur an der Wahlkampfkostenerstattung interessiert sind.
    -(geistig)- Arme für Deutschland
    oder wie Max Liebermann nach der Machtergreifung bemerkte:
    ‚Man kann gar nicht soviel fressen wie man kotzen möchte!‘

  4. @bard jun.:
    Ja, natürlich. An dem Befund gibt’s auch nix zu rütteln. Ich denke aber, dass genau an dem Punkt für ein paar Leute zumindest das Anheben auf die Metaebene der Frage nach Wahrheiten Sinn ergeben kann. Denn auch wenn viele geistig Vollumnachtete mit allem abgeschlossen haben: Die wenigsten halten ihr eigenes Verhalten für unlogisch. Gerade die AfD wird ja gerne gewählt, weil sie anders als „Lügenpresse und Altparteien“ endlich mal „die Wahrheit“ sagen. Und nur weil die besonders merkbefreiten Anhänger alles als Wahrheit akzeptieren, was ihnen passt und den Rest per se verwerfen, gibt es sicher auch einige, deren Entscheidung anders ausfallen würden, wäre ihnen bewusst, dass es in manchen Punkten – und das muss ja nicht gleich den emotionalsten Teil ihres Glaubens betreffen – die „Wahrheiten“ der AfD leicht aufzudeckende Lügen sind.
    Aber ich will mich auch nicht übertrieben rechtfertigen. Was Du geschrieben hast, stimmt leider viel zu oft und in Anbetracht der geringen Leserzahlen hier wollte ich mich auch vor allem mal auskotzen. Das muss halt auch mal sein.

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