Monthly Archives: April 2013

Komma inne Puschen!

Ein paar von Euch erinnern sich vielleicht noch: Ich hab im Februar ein eBook veröffentlicht. OK, schon gut: Ihr seid nicht ganz so vergesslich wie ich. 🙂

Nun ist eine feine Sache an BĂŒchern ja, dass man damit Geld verdienen kann. Das tue ich auch und ich bin fĂŒr den ersten Versuch ja bislang auch zufrieden. Man darf gerne drĂŒber streiten, ob das schon viel ist, aber die mit weitem Abstand meiste Kohle waren die knapp 400 €, die alleine in den ersten 10 Tagen im Februar durch den Verkauf von rund 200 BĂŒchern reingekommen sind.

Den Verkauf hab ich ja Amazon ĂŒberlassen. Bei allem FĂŒr und Wider halte ich das nach wie vor fĂŒr nicht die schlechteste Lösung. Es sind nunmal viele meiner Leser auch Amazon-Kunden und auf Anfrage hin gebe ich ja nebenbei auch einzelne Exemplare an die Leute raus, die so nicht rankommen. Auch der Einbehalt von 30% des Einkaufspreises seitens Amazon ist im Vergleich zu den Mitbewerbern auf dem Markt und erst recht zu den Verlagen bei DruckbĂŒchern fantastisch. Klar, dafĂŒr machen sie auch wirklich nur die Zahlungs- und Versandabwicklung, aber das war auch genau das, was ich wollte. Auch wenn es bei großen Unternehmen wie Amazon immer gerechtfertigte Kritik geben wird – ich konnte das auch echt nicht alles alleine machen, ehrlich.

Um’s kurz zu machen: FĂŒr mich, der ich ein eigenes eBook veröffentlichen wollte, war das eine faire Sache – und ich hab weder davor beim Suchen, noch hinterher beim sporadischen Nachsehen eine bessere Alternative gefunden. So aberwitzig ich den Satz aus meinem Mund ĂŒber einen internationalen Konzern auch finde: Nirgendwo sonst hab ich ein ausgewogeneres Kosten-Nutzen-VerhĂ€ltnis fĂŒr mich und die Leser gleichermaßen gefunden. Selbst attraktive Nischenangebote haben am Ende absurde Vertragsklauseln gehabt und bei den meisten Diensten hĂ€tten sich halt 90% ein neues Konto einrichten mĂŒssen, anstelle der vielleicht 5 Leute, die das jetzt bei Amazon gemacht haben.

Aber gut: Komma inne Puschen!

Es geht nÀmlich um einen kleinen Nebenkriegsschauplatz: Die von Amazon lassen sich echt Zeit 


Die Vertragsbedingungen fĂŒr Autoren dort sind schon so gewagt: Nach Ende eines Abrechnungsmonats gibt sich der HĂ€ndler satte 6 Wochen Zeit bis zur Auszahlung. Das ist nicht schlimm* und das weiß man als aufmerksamer Unterschreiber eines Vertrages ja auch vorher. Allerdings ist sogar Amazon selbst z.B. bei der Werbekostenerstattungs  ganze 2 Wochen schneller.

Von so engagierten Leuten wie meinen Chefs, bei denen es von meiner Abrechnung im BĂŒro bis zur Lohnauszahlung selten lĂ€nger als 5 bis 7 Tage dauert, wollen wir da mal gar nicht reden.

Aber, jetzt können wir den alten Adam Riese mal exhumieren: Abrechnungsmonat war der Februar. Der letzte Tag plus 6 Wochen ist gleich? Genau: 12. April. Und, ihr werdet es sicher schon erraten haben: Das Geld ist noch nicht da. Genau genommen kam 8 Tage nach diesem Tag eine Mail, in der mir die baldige Zahlung bestĂ€tigt wurde – mit dem Vermerk, dass es durchaus bis zu 5 Werktage dauern könne, bis das Geld dann auf dem Konto sei. Bei sehr großzĂŒgiger Auslegung zu Gunsten von Amazon sind wir heute bei Werktag 7.

Ich will da sicher kein Fass aufmachen. Ein paar Tage hin oder her 
 im Vergleich zur Kirchengemeinde, die meinen Zivi-Sold zahlen musste, ist das noch human. Die hab ich in den ersten drei Monaten stĂ€ndig nerven mĂŒssen, bis sie mir mal halbwegs zeitnah (und vor allem auch den mir zustehenden Betrag) gezahlt haben.

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass Amazon eben wirklich NUR die Bezahlung zu organisieren hat, sich dann ewig Zeit lĂ€sst und zusĂ€tzlich auch da noch ĂŒberzieht 
 nee, also wirklich ĂŒberzeugend ist das nicht. 🙁

Entscheidender inhaltlicher Nachtrag: Heute, am 2. Mai, ist die Kohle angekommen. Ohne, dass ich bislang interveniert hĂ€tte. Jetzt bin ich mal gespannt auf nĂ€chsten Monat. 🙂

*Wird wohl auf ewig getoppt bleiben von der VG Wort, die fĂŒr eine nicht einmal transparente Abrechnung etwa 10 Monate braucht.

PS: 581 Wörter fĂŒr einen Eintrag, der sagen soll: „Ich bin pleite, aber nicht alleine schuld dran.“ Ich hab’s eindeutig noch raus mit dem Rumschwurbeln! 😉

7 Comments

Filed under Mein Haushalt, Vermischtes

Klein, ganz klein 


Ich hab irgendwann mal im Radio behauptet, ich sei ein vielseitig interessierter Mensch. Muss dann ja wohl stimmen, wenn’s im Radio erzĂ€hlt wird. Eines meiner frĂŒhesten Interessengebiete ist zweifelsohne die Astronomie gewesen. WĂŒrde sagen, dass das bis ins zarte Alter von etwa sechs Jahren zurĂŒckreicht, eine Zeit, zu der ich wahrscheinlich noch Probleme damit hatte, alle Körperteile richtig zu benennen. Aber wie Kinder so sind – mit PrioritĂ€ten hatte ich’s nicht so.

Ich bin also von Kleinauf das Rechnen auf großen Skalen gewöhnt und bei aller Unbegreiflichkeit des Universums da draußen hatte ich zumindest irgendwie immer eine GrĂ¶ĂŸenordnung im Kopf, die ich weitgehend verstanden hab und die Sinn ergab. Aber auch das nur begrenzt, ist ja klar. Schließlich IST das alles einfach unbegreiflich und wird nicht arg viel einfacher fĂŒr die Wahrnehmung, nur weil wir Worte wie „Lichtjahre“ oder „Billiarden“ erfunden haben und sie benutzen. Das hilft beim Rechnen, ansonsten nicht viel. Wir Menschen haben „das da oben“ nicht ohne Grund jahrtausendelang irgendwelchen Göttern in die Schuhe geschoben und uns fĂŒr nicht zustĂ€ndig erklĂ€rt.

So im Alltag denke ich zugegebenermaßen recht wenig ĂŒber die GrĂ¶ĂŸenverhĂ€ltnisse unserer Welt nach. In meinem Umfeld bin ich der grĂ¶ĂŸte Mensch, global unwichtig und auf’s Universum bezogen ist das unwichtig, was wir global nennen. So einfach geht das. Aber wenn mich dann mal was wirklich umhaut 


Dass unsere Galaxie – ihr erinnert euch: das rotierende Kreiseldings, in dem wir uns befinden und das am Himmel in dunklen Regionen wie ein helles Band aussieht – so Pi mal Daumen 200 Milliarden Sterne enthĂ€lt, das hĂ€tte ich so in etwa gewusst. Und aus dem Matheunterricht weiß ich, dass das ziemlich viel ist. Nun gut, wow.

Und dann ist mir gestern bei Twitter dieses Bild ĂŒber den Weg gelaufen. Lasst es in einem neuen Tab kurz laden, ich hab’s bewusst nicht eingebunden, weil es nur im Vollbildmodus Sinn macht. Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Zentrum unserer Galaxie. Ein paar Ecken unserer Nachbarschaft, wenn man so will. Maximal vielleicht 50.000 Lichtjahre entfernt, kosmisch ein Witz.

Wenn einem, man muss vielleicht kurz drĂŒber nachdenken, klargeworden ist, dass jeder helle Pixel auf dem Bild nicht nur eben ein Stern ist, sondern höchstwahrscheinlich ein eigenes System mit mehreren Planeten, Monden, Asteroiden, Kometen und weiß der Geier was fĂŒr Dingen noch, die wir bislang nicht einmal um unseren eigenen Punkt herum ausgiebig erforscht haben 


Mich lassen diese Gedanken mit offenem Mund und sehr sehr klein zurĂŒck.

Da braucht man noch nicht einmal daran denken, dass es von diesen Galaxienzentren ja auch noch mal ein paar Milliarden gibt.

Manche Leute mag das ein bisschen deprimiert zurĂŒcklassen – immerhin liegt schon alles auf dem Foto weit außerhalb unserer Reichweite in den nĂ€chsten paar tausend Generationen. Sollte ĂŒberhaupt je ein Mensch irgendwann auch nur in die NĂ€he von einem dieser Sterne kommen, so wird keiner von uns mehr auch nur irgendwas hinterlassen haben, es wird auch unsere LĂ€nder und Sprachen nicht mehr geben. Man muss sogar schon optimistisch sein, davon auszugehen, dass es dann noch Menschen geben wird. Das sind Skalen, die ĂŒber die bisherige Kulturgeschichte hinausgehen.

Ein wenig Wehmut kann ich nachvollziehen. Aber all das bleibt am Ende zurĂŒck hinter dem grenzenlosen Staunen, in dessen Rahmen ich dann plötzlich wieder das kleine Kind bin – das das alles als gegeben hinnimmt und fasziniert vom Gedanken daran ist, was es da noch alles zu entdecken gibt.

14 Comments

Filed under Fotos, Lichtblicke im Alltag, Medien, Vermischtes

Arbeit ist das halbe Leben

Selbiges sagt man auch ĂŒber Ordnung – und auch bei der Arbeit möchte ich die bei der Ordnung schon sprichwörtliche ErgĂ€nzung „Ich lebe in der anderen HĂ€lfte!“ anfĂŒgen. Dabei meine ich das alles halb so lustig, wie es klingt.

Wer meine Blogs verfolgt, der kriegt ziemlich gut mit, wie viel, bzw. wie wenig ich arbeite. Und ich greife dann auch schnell zur Ironie, rĂŒhme mich ob meiner Faulheit und freue mich live und in Farbe im Internet darĂŒber, dass ich in meinem Job ja auch gar nicht so viel arbeiten mĂŒsse. Das ist natĂŒrlich nur die halbe Wahrheit, der ein oder andere wird es vielleicht mit der Zeit auch schon gemerkt haben.

Ich muss gestehen: Ich kann es einfach nicht.

„Raff Dich halt auf, ich schaff‘ das schließlich auch!“

Das ist eine so naheliegend wie blöde Reaktion darauf. Im Aufraffen bin ich nicht so schlecht. Ich hab die Schule durchgestanden, hab mein Abi gemacht, hab eine Weile lang einen Job mit frĂŒhem Aufstehen hinbekommen, hab mir die OrtskundeprĂŒfung fĂŒr fucking Berlin reingezogen und sitze am Wochenende auch gerne mal 11 Stunden im Taxi. Ganz zu schweigen von den Kinderfreizeiten, bei denen ich zwei Wochen am StĂŒck 18 Stunden mehr oder weniger immer voll am Start war. Aber eben alles zu seiner Zeit.
So sehr ich mir immer wieder selbst bewiesen hab, dass ich durchaus den Arsch hochkriegen kann, wenn es drauf ankommt, so wenig Ahnung hab ich, wie man sowas jahrelang psychisch durchhĂ€lt. Nach einer gewissen Zeit reißt es mich einfach von den Hufen. So kommt es dann, dass ich trotz einer komplett freien Woche heute – in der besten Nacht der Woche – einfach Feierabend mache, weil ich’s nicht mehr aushalte.

Finanziell betrachtet ist das natĂŒrlich nicht so toll, moralisch aber noch viel schlimmer. Aufs Konzept möglichst harter Lohnarbeit holt sich die Gesellschaft ja immer noch einen runter, selbst die politisch Linke wird dominiert von den Kommunisten, die die „Arbeiterklasse“ zum eigentlichen Helden hochstilisieren. Aber wenngleich ich tatsĂ€chlich auch politisch meine Probleme mit dem Konzept Lohnarbeit habe, gehöre ich ja auch nicht zu denen, die an jedem Erholungstag zum Arzt rennen und den Chef die Rechnung zahlen lassen. Dazu waren meine Chefs immer viel zu nette Leute und ich nehm’s ja hier und da in Kauf, fĂŒr weniger Arbeit auch weniger Geld zu bekommen.

Klingt jetzt alles dramatisch und irgendwie so, als wĂŒrde ich schon sicher sein, dass das mit der mangelnden Arbeitsmoral bei mir pathologisch ist. Das wollte ich so nicht sagen. Ich hab mir mein Schlupfloch ja gesucht und abgesehen von gelegentlichen Geldsorgen komme ich ja durchaus klar. Lediglich mein schlechtes Gewissen mĂŒsste ich hier und da noch ein bisschen besser in den Griff bekommen, aber dann bleibt nichts ĂŒbrig außer einem vielleicht etwas armen, dafĂŒr aber zufriedenen Sash.

Was mich umtreibt, das zu thematisieren, ist wie so oft die Frage:

Was ist mit den Leuten, denen es da noch beschissener geht?

Ich weiß nicht, ob alle meiner Leser sich daran erinnern, aber auch wenn ich hier und da so neunmalklug politisch agitiere: Ich hab noch nie einen politischen Standpunkt eingenommen oder eine Partei gewĂ€hlt, weil das Ergebnis meine persönliche Position bessern wĂŒrde. Manchmal wĂŒrde das sicher zutreffen, aber die entscheidende Fragestellung war fĂŒr mich immer: Ist das gesellschaftlich sinnvoll?
(Und natĂŒrlich: Entspricht es meinen ethischen Überzeugungen?)

Was ist mit den Leuten, fĂŒr die nine-to-five nichts ist, die aber nicht meine Ausweichmöglichkeiten haben? Die vielleicht noch weit weniger gebacken kriegen? Die am Ende vielleicht wirklich das soziale Netz in Anspruch nehmen mĂŒssen?

Gerade in der Debatte um die Höhe von ALG II tauchen sie ja immer wieder auf: die „Sozialschmarotzer“. Als Feindbild, das bis weit in linke Kreise gesellschaftsfĂ€hig ist. Hand auf’s Herz: Wer von euch hat mal drĂŒber nachgedacht, ob der ein oder andere vielleicht tatsĂ€chlich den Anforderungen dieser Gesellschaft – nicht einmal nur im Bezug auf Arbeit – nicht gewachsen ist?

Das Thema ist ein (geschichtlich betrachtet) recht neues, da muss sicher noch Ursachenforschung betrieben und an Problemlösungen gearbeitet werden. Aber ich vermute, dass es ein reales Problem nicht zu kleinen Ausmaßes ist. Eines, dass man vielleicht besser nicht so unter den Tisch kehren und pauschal abwatschen sollte, wie das derzeit geschieht.

Ich bin sicher, der ein oder andere hat jetzt recht fassungslos bis hierhin gelesen und ist immer noch der Meinung, dass das ja alles bloß blödes GewĂ€sch von faulen Weicheiern ist. Da hab ich in Anbetracht unserer bisherigen Gesellschaft VerstĂ€ndnis fĂŒr. Uns allen wurde ja immer erklĂ€rt, was genau richtig ist. Und privat richtig ist nun mal ein gutbezahlter Job und politisch richtig ist alles, was gutbezahlte Jobs vermehrt. Wer das fĂŒr der Weisheit letzten Schuss hĂ€lt, der möge ĂŒber meine kleine Analogie nachdenken:

BĂŒcher. Schreibt doch einfach BĂŒcher, wenn Euch was nicht passt. Das ist ganz einfach: Man muss nur ein bisschen lesen, ein bisschen schreiben und ansonsten braucht es halt WillensstĂ€rke. JEDER kann BĂŒcher schreiben! Viele sogar. Das Leben ist lang genug und mehr als 26 Buchstaben braucht es dazu nicht. Alles andere ist einfach nur ein bisschen (frei einzuteilende, yeah!) Arbeit und die kriegt man ja wohl noch hin.

Wer also der Meinung ist, ich (und die vielen anderen) mĂŒssten sich doch bloß mal aufraffen, der schreibe ein Buch darĂŒber. Ich werde es lesen, versprochen. Schließlich hab ich die Zeit dazu, ich arbeite ja kaum 


23 Comments

Filed under Arbeitsamt / Jobcenter, Feinde, Politik, Vermischtes

Trauerarbeit

„Scheiße ey, das sieht ja aus wie der BlumenkĂŒbel von den Nachbarn!“

„Aber das hier ist noch viel schlimmer!“

„Verdammt, da brauchste ja einen Barockfetisch. Lass uns erst mal nach SprĂŒchen schauen. Bei den Blumen wĂŒrde ich sagen, lassen wir uns was eigenes einfallen. Schon was gefunden?“

„Äh, ja. So in etwa. Aber hör mal den hier: ‚In Christus vollendet‘ 
“

„Bitte WAAAS? Nicht im Ernst! Wobei es nur konsequent fĂŒr Christen ist. ‚Na endlich!‘ sollte eigentlich in deren Sinn sein. Aber weder wir, noch sie hatte was mit der Kirche am Hut. So lange sie noch alle Sinne beeinander hatte, war das jedenfalls so.“

„Noch besser: „Mach et jot!‘. Wer macht sowas?“

„Und morgen dann ‚Hau wech den Drech‘ 
“

„Hmm. ‚In Deinen Kindern lebst Du weiter‘ ist jetzt auch irgendwie in dem Fall doof.“

„Ich glaube, ich bleibe bei ‚Ruhe in Frieden‘. Ein bisschen zu viel ‚Leben nach dem Tod‘-Romantik ist mir da zwar eigentlich auch drin, aber das trifft es noch am Besten. Und nach all dem Gekabbel in der Familie ist das im besten Sinne ein hervorragender Wunsch.“

Ja, schöne Scheiße. Da kommste vom besten Partywochenende des letzten Jahres und kaum hat das erste Handy hinter der Grenze wieder Netz, verkĂŒndet es den Tod der Oma. Sie ist am Sonntag, – wie man so euphemisierend alles in den immerselben Spruch packt – „nach langer, schwerer Krankheit“ verstorben. Nicht unerwartet und, wie ich fĂŒrchte, glĂŒcklicherweise.

Das tröstet meine Wenigkeit enorm, schließlich verdanke ich ihr viel und ein plötzlicher, „unfairer“ Tod hĂ€tte mich schwer getroffen. In den letzten Jahren hab ich sie ĂŒberwiegend aus EntfernungsgrĂŒnden nicht gesehen, sie war aber ohnehin bereits so dement, dass sie mich wahrscheinlich nicht erkannt hĂ€tte. Ein trauriges Ende, aber wie ja bereits der Volksmund weiß: Besser eines mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Es war Zeit.

Die Beisetzung ist fĂŒr morgen angesetzt, wohl gemĂ€ĂŸ ihren WĂŒnschen nichts großes, mehr als eine Handvoll Verwandter und Bekannter ist ihr nicht geblieben. Mann, Tochter, Geschwister 
 die meisten hatten weniger Zeit unter den Lebenden als sie. Da das alles so schnell und einfach ĂŒber die BĂŒhne gehen wird, werde ich nicht nach Stuttgart fahren. Tote kann man schlecht enttĂ€uschen, was eine angenehme Nebenwirkung ihres endgĂŒltigen Zustandes ist. Die Einstellung teile ich mit dem relevanten Teil der Familie, mein Fernbleiben ist also in Ordnung. Da das aber einer der wenigen Momente ist, in denen ich wenigstens ein Zeichen hinterlassen will, habe ich mich entschieden, wenigstens ein paar Blumen in meinem Namen ans Grab bringen zu lassen. Was ich das erste Mal tue, so oft verpasse ich Beerdigungen dann auch nicht.

Obiger Dialog ist verkĂŒrzt wiedergegeben tatsĂ€chlich, was vorgestern hier im Haushalt zu diesem Zwecke geredet wurde. Gerade bei ziemlich starren Riten wie Beerdigungen und Trauer kommt man wirklich schnell in einen unfreiwillig komischen Bereich, insbesondere wenn man z.B. den Kreuzbuben mit dem Nagelfetisch nicht zu seinen Freunden zĂ€hlt.

Ich weiß, dass die flapsigen Kommentare, die vermeintliche PietĂ€tlosigkeit, auf die ein oder anderen – insbesondere die eher simpel gestrickten – Leute verstörend wirken kann. Ich könnte auch die Klappe halten oder abgeschriebene Zitate mit viel zu vielen Schlechte-Laune-Smilies hier hochladen. Und hui, das wĂŒrde richtig gut ankommen. Mal wieder so viele liebe Kommentare wie damals unter dem Artikel zum Tod meiner Mutter, alles total toll.

Alleine: mir hilft das nicht.

Also nichts gegen liebe Kommentare, aber insgesamt ist Trauern etwas höchst persönliches und individuelles. Und es wird – zum Nachteil von vielen – immer noch zu sehr in Regeln gepresst, die viele in ihren schweren Stunden alleine lassen. Nicht jeder ĂŒberwindet einen Verlust am Besten, indem er jahrelang schwarz auf- und eine depressive Grundstimmung vor sich her trĂ€gt! WĂ€hrend VerdrĂ€ngung vielleicht wirklich noch ein psychologisches Minenfeld in einem selbst hinterlassen kann, sind beispielsweise Aktionismus, Euphorie, selbst Humor fĂŒr den ein oder anderen die Mittel der Wahl. Der eine weint mehr, der andere weniger. Menschen schreiben, tanzen, singen, geißeln sich meinetwegen. Sie fasten, schlemmen, nehmen Drogen, reden miteinander oder schweigen. Denken in solchen Situationen besonders viel ĂŒber den Tod nach oder bejahen das Leben umso mehr.

Und wer sich einbildet, anderen den Weg seiner VerlustbewĂ€ltigung vorschreiben zu mĂŒssen, ist in der Regel nur ein Idiot, der sich mit der menschlichen Psyche nicht sonderlich gut auseinandergesetzt hat.

Hatte ich fieses Rumranten schon als Trauerstrategie erwĂ€hnt? 😉

Aber ich schreibe das wirklich mit einem ernsten Hintergrund. Ein guter Freund von mir hat mir vor einiger Zeit – das war kurz nach dem Tod meiner Mutter – gestanden, dass er darunter gelitten hat, weil er beim Tod seines Vaters nicht weinen konnte. Er hat das nicht verdrĂ€ngt, er hat sich einfach nur still damit auseinandergesetzt und ist recht schnell zu der Ansicht gekommen, dass das alles zwar schade sei, jetzt aber irgendwie das Leben weitergehen mĂŒsse fĂŒr ihn. In seiner Familie jedoch wurde ihm vorgeworfen, seinen Vater wohl nicht gemocht zu haben, seine Lebensfreude wenige Wochen nach dem schweren Verlust wurde ihm missgönnt, wurde skeptisch betrachtet. Obwohl damals, als er mir das erzĂ€hlte, er ganz offensichtlich von all den Menschen in seiner Familie am Besten mit der Sache umgehen konnte. Alle anderen schwiegen das Thema tot und waren offenbar nicht einmal in der Lage, die UmstĂ€nde (tragischerweise ein selbstverschuldeter Unfall) auch nur anzusprechen, und sei es nur objektiv aus der Distanz von nunmehr 4 Jahren.
Dieser Freund hat Jahre gebraucht, um damit klarzukommen – nicht mit dem Tod seines Vaters, sondern mit seiner eigenen Reaktion darauf. Mit viel GlĂŒck und wahrscheinlich nur durch die richtigen UmstĂ€nde außerhalb der Familie ist er nicht daran zerbrochen, ist nicht deswegen seinerseits depressiv geworden oder gar schlimmeres.

Einzig seinetwegen existiert nun dieser lange und sicher nicht fĂŒr alle unterhaltsame Text.

Wenn ich vom bestatterweblog eines gelernt habe, dann, dass das Tamtam um den Tod vor allem fĂŒr die Lebenden gemacht wird. Als solchen sehe ich mich und als solcher gestalte ich das Tamtam nach meinen Vorstellungen.

Meiner Oma hĂ€tte ich mehr gewĂŒnscht, als sie wahrscheinlich vom Leben hatte: Krieg, Armut, danach fast ausschließlich Aufopferung fĂŒr eine Familie, die es ihr nicht immer gedankt hat. Wer mich kennt, weiß, wie traurig mich sowas stimmt. Ein Grund mehr jedoch fĂŒr mich, keine peinlichen Geranienorgien auf ihrem Grab zu veranstalten.

Als ich etwa 8 Jahre alt war, habe ich verbotenerweise in ihrer Wohnung mit einem Ball gespielt. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Mit vernehmbarem Krachen stĂŒrzte ihre Uhr zu Boden, ein hölzerner Trumm mit goldenen römischen Zahlen auf matten ZifferblĂ€ttern. Die Uhr selbst blieb heil, alleine das eingebaute Barometer stand fortan immer auf Schönwetter – was meine Oma ab da zu jeder Zeit gerne betonte. Inzwischen spiele ich lieber mit Worten als mit BĂ€llen, aber ich sehe es nicht ein, dass es sich ein Arschloch wie der Tod herausnimmt, an diesem beschissenen Zeiger zu drehen.

7 Comments

Filed under Mein Haushalt, Vermischtes

Gipfeltreffen

„Österreich? Nee, is‘ klar!“

Als ich von meinem Ex-Mitbewohner die Einladung zu seinem Geburtstag erhalten habe, dachte ich auch umgehend, er hĂ€tte wohl einen an der Klatsche. Wohl wahr, im Laufe der Jahre hat sich der Freundeskreis ĂŒber verschiedene StĂ€dte, LĂ€nder, mitunter ĂŒber Kontinente verteilt. Aber Österreich?

Und wÀre es wenigstens Wien gewesen! Dort hÀtte ich zumindest endlich mal meinen guten Freund Alex besuchen können.

Aber es musste ja eine BerghĂŒtte sein. Im Zillertal, na klar! Ich bin ja sparsam mit Reisen. Das liegt in meiner Sparsamkeit bei der Arbeit begrĂŒndet, die wiederum zu einer Sparsamkeit beim Geld fĂŒhrt. Aber auch zu einer Sparsamkeit an Urlaub – den braucht man schließlich nur, wenn man sich ĂŒberarbeitet.

Da ich aber in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden durchaus Lust verspĂŒre, mein Einsiedlerleben zu verlassen, hatte ich das mit der Fahrt in den hohen SĂŒden schnell mal geplant. Bei der Bahn völlig unkompliziert ein paar gĂŒnstige Tickets ergattert, mit dem Schwob ein Unterwegs-Treff-System aufgebaut, das ziemlich optimistisch war – und dann gewartet.

Es war ja nun nicht irgendwer und irgendwas. Ausgerechnet Felix, seines Zeichens Mitinhaber der „besseren HĂ€lfte“ der WG, mit mir vor neuneinhalb Jahren zusammen in eine 34mÂČ-Bude geworfen ohne dass wir uns kannten, feierte seinen dreißigsten. Schon schlimm, insbesondere eingedenk der Tatsache, dass ich selbst ja noch Ă€lter bin. Sicher mit dabei waren von Beginn an einige mir bekannte Leute, darunter auch ein paar, die ihren Namen hier nicht lesen wollen.

Das Wochenende gliederte sich in drei Hauptbausteine: ein Drittel Zugfahrt, ein Drittel Essenszubereitung und ein Drittel Feiern. Der Schlaf ging ĂŒberwiegend von der Zugfahrt ab. Am Freitag startete ich ohne Nachtschlaf und frohen Mutes mit ĂŒberfĂŒllter Reisetasche um 5:50 Uhr mit der S-Bahn von Marzahn aus. Keine 10 Stunden spĂ€ter traf ich im tiefsten Bayern auf den Schwob samt besserer HĂ€lfte. Die im Großen und Ganzen problemlose Anreise endete irgendwann am spĂ€ten Nachmittag nach einem Einkauf mit der Erkenntnis, dass es zumindest mal schon Zeit fĂŒr ein Radler wĂ€re.
Die HĂŒtte, Baujahr 1830, wies hier und da erkennbare Anzeichen der Neuzeit auf (Strom, Stereoanlage, Sauna, Dusche), das Essen jedoch wurde z.B. noch mit echtem Feuer zubereitet. Ansonsten war es nach den neuesten Erkenntnissen der Medizin eingerichtet – so waren die Betten beispielsweise lĂ€nger als die TĂŒren hoch – man weiß ja, dass der Mensch im Laufe des Tages in sich zusammensackt.

A prospos zusammensacken: Einer noch einzufĂŒhrenden Norm nach waren auch unter fast jedem niedrigen Balken Betten installiert, so dass unvermeidliche StĂŒrze nach KopfstĂ¶ĂŸen in den meisten FĂ€llen sanft aufgefangen wurden.

Im Ernst: Was fĂŒr eine geile HĂŒtte! Locker die HĂ€lfte der BodenflĂ€che war mit SchlafplĂ€tzen ausgestattet, selbst ĂŒber der KĂŒchenzeile waren Betten eingelassen. Auf sehr optimistisch geschĂ€tzten 100mÂČ WohnflĂ€che fanden sich um die 25 bis 30 SchlafplĂ€tze und ebenso viele Sitzgelegenheiten. Das ganze zu einem Preis, den man anderswo fĂŒr ein Hotelzimmer fĂŒr zwei Personen mit Dusche auf dem Gang bezahlt. Wir jedenfalls waren zufrieden. Ich selbst habe mir im Übrigen nur einmal den Kopf gestoßen, was vermutlich am Training liegt. Schließlich ducke ich mich auch, wenn ich mein eigenes Zimmer zu Hause verlasse.

An einer angemessenen Partybeschreibung sind meines Wissens nach noch alle Autoren gescheitert, auch ich habe das erst fĂŒr ein sehr spĂ€tes Werk meiner schriftstellerischen Laufbahn geplant, so gesehen unterlasse ich das hier. Es mangelte jedenfalls nicht an gutem Essen, alkoholischen GetrĂ€nken, Kampfkuscheln, ernsten und nicht ganz so ernsten Diskussionen, lauter Musik und verschiedenen Tanzstilen. Da die Protaginisten unseres gruppendynamischen Stelldicheins ĂŒberwiegend jenseits der mittleren Zwanziger war, konnten sogar alle Anwesenden sang- und klanglos akzeptieren und mitfeiern, wenn mal die Musikrichtung wechselte. Und so ein Electropunkhiphopraggapop-Wochenende hat durchaus seinen ganz eigenen Charme.

Sicher, die HĂŒtte hielt nur, weil in den ersten 140 Jahren seit Einbau der Deckenbalken das Pogotanzen noch nicht erfunden war, aber ganz durch haben auch wir sie nicht gekriegt. Mein erster Abend endete irgendwo bei 30 bis 35 Stunden nach dem Aufstehen, die Helligkeit kroch bereits langsam die nebligen BergrĂŒcken hoch, im Mund hatte ich irgendwas zu essen, das an eine Schuhsohle erinnerte, wahrscheinlich aber auch nicht mehr zum essen gedacht war.

Trotz nicht abschließbarer KlotĂŒren hielten nicht etwa Sittenverrohung und Exhibitionismus Einzug, auch als offenbar einziger Verheirateter in dem irren Haufen fĂŒrchte ich jedenfalls keine SkandalenthĂŒllungen in den nĂ€chsten Tagen, wenn so langsam die Fotos online sein werden. Im Gegenteil: Der Samstag begann mit dem jeweiligen Anti-Kater-Ritual aller Beteiligten, egal ob es sich dabei um Bergwanderungen, Kopfschmerztabletten, Konterbiertrinken oder kalt duschen handelte. Zu guter Letzt wuselten die meisten fleißig – oder zumindest gefrĂ€ĂŸig – durch die hervorragend bestĂŒckte KĂŒche, das Ganze gipfelte in etwas, das friedlicher war als das, was ich gemeinhin als FamilienfrĂŒhstĂŒck kenne.

WĂ€hrend die nicht völlig zerstörte Fraktion den Samstag weitgehend mit der bergauf fĂŒhrenden Suche nach der Schneegrenze verbrachte, stand an der HĂŒtte alles im Zeichen der Pizza. Der besonders engagierte und kreative Teil unserer Gruppe startete mehr oder minder spontan den Bau eines Steinofens, was nicht nur im handwerklichen Bereich Folgen hatte. Schließlich hatten wir auch noch grob geschĂ€tzte zwei bis drei Kilo Grillfleisch, eine runde Tonne Salat und einiges an Beiwerk zu verzehren. Dennoch wurde der Bau und Betrieb des Ofens – der clevererweise direkt unter dem Abfluss der Regenrinne platziert wurde – in den Einkaufsplan mit einbezogen.
Mit Mitteln zweiter Wahl („Das ist kein QualitĂ€ts-Schlamm hier!“) wurde umherliegendes Material (Grenzsteine von einer nahegelegenen Straße z.B.) verarbeitet und keine sechs Stunden nach Baubeginn wurde die erste Pizza gemeinsam mit dem ersten Radler des Tages verspeist.

Wirkte die Runde in Anbetracht der kulinarischen Herausforderungen noch etwas mĂŒde, wendete sich das Blatt im Laufe der spĂ€ten Abendstunden spĂŒrbar. Zwar lag ausgerechnet das Geburtstagskind in diesen Stunden eine Weile flach („Ich hab noch nie so oft hintereinander gekotzt!“), aber nach der an eine Totenmesse erinnernden GeschenkĂŒbergabe am Bett wurde fleißig weiter Pegelsport betrieben, was nicht zuletzt unserem argentinischen Barkeeper zu verdanken war, der auch gerne mal Hand an den Lichtschalter legte, um als Low-Budget-Strobo das letzte aus der Location rauszuholen. Die Balken bogen sich im wahrsten Sinne des Wortes, ein Ende war kaum abzusehen und der Übergang in den Abreisemorgen war fließend.

Zwischendurch tauchte noch der Vermieter der HĂŒtte auf, ein Mann in den frĂŒhen FĂŒnfzigern, der zunĂ€chst nicht so recht begeistert ob der Tatsache erschien, dass vor seiner HĂŒtte nun ein Pizzaofen stand. In Anbetracht dessen, dass wir im Grunde aber den Feuerschutz mehr als nur ausreichend beachteten, drĂŒckte er demonstrativ zwei Augen zu und gestand, dass das in einer „etwas professionelleren Form“ durchaus eine Aufwertung der HĂŒtte wĂ€re. Aus der kurzen Einholung von Unterschriften wurde dann ein halbstĂŒndiges angenehmes GesprĂ€ch („Oha, eine sehr nette Gruppe!“), das uns letztmalig bestĂ€tigte, dass wir dort genau richtig waren.

Der Aufbruch am Morgen war wie immer bei solchen Parties zu hektisch, zu nervig, in Anbetracht des Erlebten zu traurig, ganz ehrlich. Aber manche Dinge lassen sich nicht vermeiden oder aufschieben – und so war um 13 Uhr Schluss mit Lustig. Die Autos wurden beladen, der MĂŒll eingesammelt, grĂ¶ĂŸer kann eine ErnĂŒchterung nicht sein.

Der Schwob, seine Begleitung und ich mussten uns noch ein paar Stunden bis zur Zugabfahrt in Jenbach die Zeit vertreiben – was uns in einer netten Pizzeria mit angeschlossener Konditorei bei einem opulentem Mahl inklusive selbstgemachtem Eis recht leicht fiel. Dass ich an diesem Wochenende dennoch rund zwei Kilogramm Gewicht verloren hab, lĂ€sst mich ĂŒber mein restliches Leben nachdenkend zurĂŒck.

Meine Heimfahrt war – dem Gelbeutel geschuldet – ein bisschen langwierig. Direktverbindung konnte man das kaum nennen, auch wenn es mit dreimaligem Umsteigen eigentlich einer der besten Wege hĂ€tte sein mĂŒssen. Selbst von Jenbach aus waren es noch zwölf Stunden, davon nur anderthalb zum Umsteigen. Wenngleich ich trotz des heftigen Samstags keinen Kater vermelden konnte, mag der ein oder andere mich bemitleiden ob des Zustands, den ich hatte, als ich am Montagmorgen um 7.45 Uhr die TĂŒr hinter mir wieder schloss und die Welt erst einmal Welt sein ließ. Aber wenn es ein Fazit gĂ€be, dann wĂŒrde es lauten:

Es hat gerockt! Jederzeit wieder!

4 Comments

Filed under Fotos, Lichtblicke im Alltag, Vermischtes

Die erste Durchsuchung

„Aha!“

rief der Beamte in bestimmendem Tonfall. Das war der Zeitpunkt, an dem ich bereit war, von allen irdischen Qualen erlöst zu werden. Ganz gleich, ob ich nun erst 14 Jahre auf diesem Planeten verbracht hatte.

Ich drĂŒcke mich gerade ein wenig vor dem Weiterschreiben am Buch und hab beim Durchsehen Ă€lterer BlogeintrĂ€ge bemerkt, dass ich euch noch eine Anekdote aus meiner Vergangenheit schuldig bin: Die Geschichte meiner ersten Durchsuchung durch die Polizei. Vorhang auf!

Es war ein mittelprĂ€chtiger Tag mit mittelprĂ€chtigem Wetter. Die Wolken ĂŒber Stuttgart wirkten auf den ersten Blick finster, aber es regnete nicht. Der Unterricht endete fĂŒr mich bereits nach der fĂŒnften Stunde – leider war nachmittags noch Sport angesetzt. Immerhin hatten wir dieses Jahr Sport beim Kolb, der gab auch fĂŒrs BemĂŒhen ansehnliche Noten.
Wie so oft in der Mittagspause trieb es mich und einen meiner besten Freunde zum GĂŒl. Der Laden war es gewesen, der uns damals in das Geheimnis des Döners eingewiesen hat, hier haben wir gelernt, was „mit Scharf“ bedeutet. Döner war damals wirklich noch sowas wie das nĂ€chste große Ding, und wir waren voll dabei. NatĂŒrlich MIT Pepperoni und MIT „Scharf“, wir waren ja keine Kinder mehr!

Den Fladen haben wir gleich vor Ort verzehrt, wichtiger war uns an diesem Tag eigentlich vor allem die zweite Station wÀhrend unserer Mittagspause.

„Schweinkram!“

sagte der Beamte und tastete mich weiter ab. NatĂŒrlich haben sie nichts gefunden. Von Drogen waren wir beide mehr als nur weit genug entfernt. Wir hatten ja nicht einmal den Hauch einer Ahnung, dass hier am Olgaeck gedealt wurde. Wir hatten ein paar Wochen zuvor mal ein bisschen Schnaps aus dem elterlichen Geheimversteck meines Kumpels probiert, das war alles.
Aber wegen Drogen filzten uns die beiden nun und das war definitiv das letzte, was wir erwartet hatten.

Unsere zweite Station war der Zeitungskiosk gewesen, wo ich unter Zuhilfenahme grĂ¶ĂŸtmöglichen Mutes eine Pornozeitschrift fĂŒr uns Naseweise erworben hatte. Man konnte mit 14 ja einiges tun, bei den Kenntnissen um den weiblichen Körperbau ins Hintertreffen zu geraten, ging natĂŒrlich nicht. So peinlich es auch war, so sehr hatte es dann doch irgendwie mit Bildung zu tun. Und mit Spannung, also zumindest im Schrittbereich.

Aber kaum, dass wir uns ein paar Treppenstufen hochgeschlichen und unseren Kauf so vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen hatten, trat die Staatsmacht auf und forderte von uns, die Taschen zu entleeren. Nach der zögerlichen Preisgabe des Heftes wĂŒnschte ich mich umgehend an einen schöneren Ort, vielleicht in eine Matheklausur?

NatĂŒrlich war das Ganze recht schnell ĂŒberstanden, aber wer mit 14 von der Polizei ob seiner Lesegewohnheiten getadelt wird, muss wahrscheinlich eine kritische Haltung zu diesem Staat entwickeln. Ziehe ich jedenfalls neben der Theorie mit dem gesunden Menschenverstand bis heute als ErklĂ€rungsansatz in Betracht.

6 Comments

Filed under Feinde, Staatsgewalt

Freiheiten

Sturmfrei!

Wieder einmal stelle ich fest, dass dieses grundsĂ€tzliche „Boah, geil!“-GefĂŒhl nicht weichen will, wenn ich mal alleine bin. Inzwischen liegt das wohl vor allem daran, dass es selten geworden ist. Das heißt: Alleine bin ich sehr oft. Schließlich teile ich mit Ozie nur selten einen Schlafrhythmus und so wie ich jetzt am Schreibtisch zum Bloggen sitze, hĂ€tte ich das auch jeden zweiten x-beliebigen Tag des vergangenen Jahres tun können – nein, ich hab es sogar getan. Und das umfasst noch nicht einmal den kompletten Zeitraum, seit wir verheiratet sind.

Ja, im Gegensatz zum elterlichen Haushalt hat man halt im eigenen ohnehin ein paar Freiheiten mehr, auch wenn ein Partner anwesend ist. In meinem Fall: alle! Ich kann in meinem Alltag, wenngleich verheiratet, essen wann ich will, schlafen wann ich will, arbeiten wann ich will. Ich kenne nicht das dem ein oder anderen Kollegen verordnete Alkoholverbot, ich sitze am PC, wenn es mir passt 
 und Ozie umgekehrt natĂŒrlich auch. Zugegeben, vielleicht bleibt bei uns im Haushalt öfter mal was liegen als anderswo. DafĂŒr schiebe ich nicht mismutig 12-Stunden-Schichten wie ein Kollege, „weil auf der Straße is‘ immer noch besser als zu Hause.“

Ich weiß, dass ich GlĂŒck habe. Die Welt ist voll von selbsternannten Propheten, die Weisheiten ĂŒber Beziehungen kundtun, bei denen ich umgehend kotzen könnte. Soso, Eifersucht ist was normales, Streiten gehört dazu, die EinschrĂ€nkungen einer Beziehung tun nunmal weh 

Ich hab lĂ€ngst beschlossen, irgendwann mal einen Ratgeber zu schreiben, in dem derartiges GeplĂ€rre nicht vorkommt, weil es Bullshit ist. Es dĂŒrfen sich meinetwegen da draußen alle knechten und Ă€rgern wie sie wollen. Ich frage mich nur desöfteren, warum SM als Sexpraktik immer noch ein Nischendasein fĂŒhrt, wo es als Beziehungspraxis doch offenbar Alltag ist in diesem ach so konservativen Land.

Aber wir waren beim GlĂŒck, dass ich das nicht kenne und beim sturmfreie Bude haben.

Warum?

Warum freue ich mich immer noch so ĂŒber ein sturmfreies Wochenende, wo doch der Alltag schon so ganz ohne Gewitter abgeht? Ich bin da auch ein wenig im Dunkeln getappt, hab nun aber eine – wirklich nur fĂŒr meine Situation gĂŒltige – ErklĂ€rung gefunden: Musik! Ich kann nachts ohne Kopfhörer beruhigt Musik hören! 🙂

Das liegt natĂŒrlich nicht am unterschiedlichen Geschmack – da sind wir uns auch Ă€hnlich, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten – nein, Ozie hat offensichtlich nicht genĂŒgend Chaoze-WG-LautstĂ€rken-Sozialisation hinter sich, um zu wissen, dass auch nachts um 3 Uhr gewisse LautstĂ€rken ok sein können. Zumal in einem Haus, in dem ich demnĂ€chst einfach mal irgendwelche Leute anquatschen könnte, was sie denn zum Vorwurf ihres Partners sagen, den der gestern, vorgestern, letzte Woche und alleine dreimal im April 2012 formuliert hat.

Ich bin ein wirklich humaner Nachbar geworden und höre kaum laut Musik. Zweimal im Jahr so richtig vielleicht. Ozie hingegen traut sich nachts oft nicht einmal, ihre NĂ€hmaschine anzuschmeißen, was nun wirklich definitiv keiner außerhalb ihres Ateliers mitbekommt. Und da nun der Sound von Wasauchimmer natĂŒrlich dennoch zuerst unsere dĂŒnnen HolztĂŒren – und dann erst den Beton zu den stĂ€ndig streitenden Nachbarn mit den offenbar teilweise unehelichen und hyperaktiven Kindern – ĂŒberwindet, fĂ€llt an diesem klitzekleinen Punkt meines Lebens tatsĂ€chlich ein bisschen Last von meinen Schultern, wenn Ozie wie jetzt im Urlaub ist.

Darauf genehmige ich mir jetzt erst einmal die Echoes von Pink Floyd. Um 3 Uhr morgens 


PS: Dieser Text wird um einiges amĂŒsanter, wenn man statt „Musik“ die Worte „die Tonspur von Pornos“ einsetzt. Das wĂ€re dann Punkt zwei auf der Liste.

12 Comments

Filed under Lichtblicke im Alltag, Mein Haushalt, Vermischtes