Warum ich Sash heiße

Warnung: Dieser Blogeintrag springt völlig wirr zwischen geschriebener und gesprochener Sprache. Einfach so. Schwupps.

So ziemlich jeder, der meinen letzten Blogeintrag kommentierte, betonte die Überraschung darüber, dass ich Sash „englisch“, also mit ä ausspreche. Ich hatte jetzt ja schon einige Leser bei mir im Taxi sitzen und die meisten haben mich spontan mit „Sasch“ angesprochen, manche haben gefragt. Ein Problem damit hab ich auch nicht, denn

1) woher solltet ihr es wissen?

2) hab ich ja diesen zweideutigen Nick gewählt.

Wobei gewählt nur relativ zu sehen ist. Auch wenn es nur bedingt spektakulär ist, kann ich ja heute mal schreiben, woher ich diesen Namen überhaupt habe und weswegen für mich undenkbar ist, ihn anders auszusprechen.

Zunächst einmal sei erwähnt, dass meine Mutter immer stolz darauf war, mir einen Namen gegeben zu haben, der sich nicht durch Verkürzung irgendwie „verunstalten“ ließ. Ihre Begeisterung, als ich plötzlich Sash genannt wurde, hielt sich folglich in Grenzen. Allerdings hat sie es selbst schnell übernommen.

Überhaupt ging das alles ziemlich schnell. Wir müssen dazu zurück in eine Zeit gehen, in der man Leute mit Handys noch belächelt hat und es den Begriff Frontalunterricht in der Schule noch nicht gab, weil keine Alternative dazu bekannt war. So zumindest meine Erinnerung. Pi mal Daumen 15 Jahre müsste das her sein, irgendwann zwischen 1996 und 1997 jedenfalls. Ganz so wichtig ist das Jahr auch nicht. Ich ging damals in die 9. oder 10. Klasse und stand damit kurz davor, der größte Mensch an unserer Schule zu sein. Mein Kunstlehrer sollte mir dies zwar erst kurz vor dem Abitur zugestehen, dabei hatte ich seine Niedlichkeit von 1,90 m recht schnell überboten. Dennoch war ich an der Schule nicht unbedingt der große Held.
Irgendwann beim Wechsel aufs Gymnasium hatte ich aufgehört, mir meinen Ruf einfach dadurch zu erarbeiten, dass ich alle anderen zusammengeschlagen habe und im Laufe der Jahre wusste niemand mehr, dass ich das überhaupt je getan hatte. Folglich war ich der Dicke, ein etwas verschrobener Kerl vielleicht sogar, auf jeden Fall völlig uncool.

Das genaue Gegenteil, nur ein bisschen zu kurz geraten in Intelligenz und Körperlänge, war Stefan S., eine Stufe über mir. Das war ein relativ berüchtigter Kerl, wobei sich seine Gefährlichkeit auch überwiegend auf seine fiese Fresse beschränkte. Den meisten Fünftklässlern konnte er damit imponieren, es gingen Gerüchte um, er zocke ihnen ihr Taschengeld ab. Mir und meinem Freundeskreis war der Typ völlig schnuppe, das einzige weswegen er überhaupt erwähnenswert war, war sein Erfolg bei den Mädels. Aber, auch wenn es vielleicht ihm gegenüber nie jemand gesagt hätte, wir hielten ihn für einen Lutscher.

Nun kam besagter Stefan S. irgendwann auf die Idee, er müsse mal den komischen Dicken anlabern, keine Ahnung, was er sich davon erhoffte. Ob er versuchte, irgendwelche Schwachpunkte zu finden oder ob er mich gleich bloßstellen wollte? Kein Plan, wirklich! Jedenfalls fing er mich irgendwann am schwarzen Brett ab, begrüßte mich mit „Ey, Säääääsh“, um im Anschluss irgendsowas ganz innovatives wie „Fettsack“ oder dergleichen fallen zu lassen. Nicht gerade beeindruckend, mir wären auf der Stelle 10 bessere Beleidigungen eingefallen. Ich kannte sie ja alle.

Erstaunlicherweise passierte aber gar nichts. Weder machte er mich weiter an, noch gab ich ihm einfach die Schelle, die er verdient gehabt hätte und an die er sich unweigerlich heute noch erinnern würde. Nein, ich ging einfach. Das einzige Mal in meinem Leben hat dieses „Und wenn dich jemand beleidigt, dann geh einfach!“ funktioniert. Als ich einem Kumpel davon berichtete, ist der fast umgefallen vor Lachen. Nicht meinetwegen, sondern wegen des komischen Namens: Sash! Es waren wirklich nur Tage, bis aus der Ironie im Klassenzimmer irgendwann ernst wurde und die Leute mich wirklich mit Sash ansprachen. Immer noch mit ä, allerdings nicht so peinlich in die Länge gezogen wie von Stefan.

Dieses Problem hab ich übrigens mit einer Eleganz gelöst, die in dem Alter kaum zu überbieten war: Als Stefan das nächste Mal mit seinen Freunden im Schlepptau an mir vorüberging und mich Sash nannte, fiel ich ihm ins Wort: „Mensch, Stäääph! Was geht?“

Er hat mich überhaupt nie wieder angesprochen. Meinen Namen hatte ich dennoch weg. Mit dem ä, von Steph.

11 Comments

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11 Responses to Warum ich Sash heiße

  1. Jens

    Der Name Sascha ist bei mir negativ belastet. Nicht der wegen des Hosen-Songs (den kannte ich in der Unterstufe noch nicht), sondern wegen traumatischer Erlebnisse im Musikunterricht der 5. Klasse:

    http://www.youtube.com/watch?v=FA0pmXFf0lM

  2. Andreas O.

    Schöner Text, musste schmunzeln. Besonders gefallen hat mir „wobei sich seine Gefährlichkeit auch überwiegend auf seine fiese Fresse beschränkte“ und fühlte mich wieder in meine Schulzeit versetzt. Diese Typen kennt einfach jeder. Ich wurde von selbigen immer unterschätzt, weil ich ziemlich brav und schüchtern aussah, aber das blieb nicht ohne Lerneffekt bei den ach so „coolen“ Typen mit fiesen Fressen 😀

  3. Ich finde den Namen ‚Sash‘ = Säsch einfach cool. Passt auch gut zu Dir -oder wenigstens zu dem wenigen, was ich bisher von Dir gesehen habe. Gelesen hab ich ja schon einiges … 😉

  4. David

    Danke für die Erklärung! Ich hoffe, du gestehst mir trotzdem das „Sasch“ zu, hab mich zu sehr dran gewöhnt 😉

  5. @Jens:
    OK, den kannte ich nicht bis dato 🙂

    @Andreas O.:
    In der angesprochenen Frühzeit sind auch bei mir nicht alle diese Typen ohne bleibende Schäden davongekommen 😉

    @sightsigh:
    Irgendwas muss auch dran sein, es hat sich schließlich bewährt 😀

    @David:
    Wie ich geschrieben hab: Ich gestehe es jedem zu, mal abgesehen davon, dass ihr mich hinter meinem Rücken ja sonstwie nennen könntet …

  6. antagonistin

    @ Jens
    Traumatisch? ich fand das früher immer ein total schönes Kinderlied. Ernsthaft. Ist zwar schon sehr lang her, aber es gefällt mir immer noch. Gibt es aber erträglicher, als in Deiner Aufnahme. 🙂

    @ Sash
    Die Geschichte hat was. Der Klang bei der englischen Aussprache ist für meine Ohren allerdings ziemlich gruselig. Sorry. Ich finde den Namen so unenglisch/unamerikanisch wie nur was. Aber gut. Dann isses eben so. 😉

  7. Sophie

    Ich kann mir bildliche vorstellen wie das ganze sich abgespielt hat.
    Schön beschrieben alle Teilnehmer 😉

  8. Stääääf (aka Stefanie)

    So ein ä-Opfer bin ich auch. Kam aber von einem Kumpel und sehr lustigstem Typen. Der dürfte das. Hat sich auch selbst gerne auf die Schippe genommen.

    Schlimmer fand ich immer Tüff. Ich bin doch kein Zug.

  9. Säsh – hm. Klingt irgendwie, irgendwie gewöhnungsbedürftig. Mit dem ä. Mal sehen, ob ich dran denk, wenn ich dich seh.

  10. Jens

    @antagonistin:

    Genau diese unterschiedliche Wahrnehmung des Liedes je nach Geschlecht (ich gehe bei Deinem Nick mal davon aus, dass Du weiblich bist) hatten wir in der Schule damals auch: Die Mädchen fanden’s ganz toll, die Jungs zum Weglaufen. Nicht auszuschließen, dass das mit dem Text zusammenhing. 🙂 Aber es stimmt: Unser Musiklehrer hat es uns mit deutlich mehr Drive singen
    lassen.

  11. @antagonistin:
    Natürlich ist das „englische“ hier eigentlich fehl am Platze. Aber so wirklich meine Schuld ist es ja nicht. Auf der anderen Seite hätte ich mich nie „Sasch“ genannt, vor allem nicht wie vorherrschend mit kurzem a.

    @Sophie:
    Tja, Du dürftest die einzige hier sein, die „Stääph“ kennt. 🙂

    @ednong:
    Ging mir mit „Sasch“ genauso.

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