Monthly Archives: Februar 2012

Die Geschichte von Jan (8)

Ein bisschen verstohlen schlich Jan sich aus dem Haus. Alexa fluchte und grummelte unter der Dusche, als er die Tür schloss und sich auf den Weg zur Bank machte. Alexa hatte ihm ihre Karte und die PIN nach einer groben Vorreinigung ihrer Hände auf den Tisch geknallt. 5566! Irgendwie traute sie ihm wohl gar nix zu. 5566! Was ist das eigentlich für eine PIN? Ist ja klar: Da hat die Dame ohnehin das bessere Gedächtnis und bekommt so eine Zahl. Jan war ein bisschen aufgewühlt, einerseits tat ihm Alexa leid – er dachte an seine Versuche nach dem Umzug, ein bisschen Lack von den Fingern zu bekommen – andererseits: Hallo? Was hatte er bitte schlimmes gemacht?

Und dann die 5566! Er selbst hatte eine blöde PIN: 3068. Oder 3806? 3086? Ja eben, da sieht man’s ja!

Während ihn zum Ende der Straße hin das urbane Leben mehr und mehr einholte, die Hochbahn kreischend ihren Weg nach Friedrichshain ins Metall schnitt, bewegte er sich wie in Trance über den Bürgersteig. Den Kopf gen Boden gesenkt, Gehwegplatten Bordsteine betrachtend zog er an einigen Menschen vorbei, die ihn für einen eigenbrödtlerischen Nerd hielten. Was er zu gewissen Teilen ja auch irgendwie war. Den Weg zum Bankautomaten kannte er auswendig und als er dort eintraf, stellte er fest, dass er nicht einmal wusste, wie er hierher gekommen war.

Um Jan herum war es laut, neben der Bahn kreischten auch noch ein paar Kinder, die Hektik eines normalen Arbeitstages flutete die U-Bahn-Station und ein paar Obdachlose bettelten mehr oder minder lautstark. Mit den Gedanken abschweifend stellte er sich grinsend vor, wie albern es wäre, würden ein paar fleißige Leute nicht nur den Autofahrern eine Scheibenwäsche für kleines Geld anbieten, sondern auch ihm die Brille reinigen. Mit diesem großen Wisch-Dings. Hihi.

Nötig gewesen wäre es allemal.

Zu sich kam er erst wieder, als der Automat ihn warnte, er hätte die falsche PIN eingegeben. War ja klar! 5566, nicht 3086! Er erhielt zwei druckfrische Fünfziger, Banknoten, die Jan so schon lange nicht mehr gesehen hatte. Zur Bank ging er meist nur für einen Zwanni zwischendurch, den Rest erledigte er ohnehin online. Selbst Lebensmittel kaufte er im Internet. Es entsprach nunmal nicht seinem Naturell, die Wohnung zu verlassen, redete er sich seine Situation oftmals schön. Reich wie selten tigerte er den halben Weg zurück, um am Plus angekommen festzustellen, dass dieser inzwischen ein Netto war. Irgendwann hatte er sich mit Alex mal darüber unterhalten, da war was…

Ein bisschen uninspiriert schmiss er einige Lebensmittel in den Wagen, die sie in der WG immer dahatten. Also zumindest, bis bei ihm mal wieder Not am Mann war. Dosengemüse, Fertigessen und ein paar Tomaten. Zur Gewissensberuhigung und um an der Kasse nicht auszusehen wie ein ausgangsfauler Nerd, der sich nur von Tiefkühlpizza ernährt. Er umkreiste in Gedanken noch ein paar Hähnchen-Nuggets, verwarf den Plan aber wieder und wandte sich den Tütensuppen zu. Er hatte zwar weder Appetit noch Hunger, irgendwie glich dieser Ausflug dennoch ein bisschen der Prekariats-Vorstellung vom Schlaraffenland. Als er zu Ungunsten von Alexas Geldbeutel mal eben beschloss, sowohl Champignon-, als auch Waldpilz-Creme-Suppe einzupacken, zuckte er zusammen. Jemand rief seinen Namen!

„Jan, alter Stoffel! Was machst du denn hier?“

Er blickte sich um und sah in ein freundliches Gesicht, das er lange nicht gesehen hatte.

Wer spricht Jan plötzlich im Supermarkt an?

  • Uwe, sein Anwalt für diverse Kleinigkeiten (37%, 36 Votes)
  • Franky, eine Art One-Night-Stand vom Dezember (35%, 34 Votes)
  • Markus, ein guter Freund, den Jan seit einer Woche anrufen wollte (16%, 16 Votes)
  • Peter, ein Alter Klassenkamerad (kein Kontakt seit Jahren) (12%, 12 Votes)

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Lesestoff

Ich weiß, ich picke mir von den vielen großen Themen dieser Tage keines heraus, um darüber zu schreiben. Syrien, ACTA und eine Menge Schweinereien bleiben liegen, wenn ich über die netten Kleinigkeiten des Lebens, das Taxifahren und mich selbst schreibe. Das ist nicht immer so, darf aber auch mal eine Weile so sein. Die paar hundert Leute, die hier mitlesen, verwechseln mich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit irgendwem, der ihnen die Nachrichten liefert.

Dennoch habe ich diese Woche mit absoluter Bestürzung – und das meine ich ernst – den Artikel von Stefan Niggemeier über Kai Winckler und die „Neue Welt“ gelesen. Im Grunde steht da nicht nur nichts neues drin, sondern er führt auch in erschreckendem Maße zur Erkenntnis, dass im Grunde jede Grütze gelesen wird, ganz egal womit sie sich beschäftigt.

Versteht mich nicht falsch: Im Grunde überrascht es mich ja nicht, dass Zeitungen – bewusst oder unbewusst – Falschmeldungen produzieren. Ebensowenig überrascht es mich, dass Klatsch und Tratsch gerne gelesen werden. Was aus meiner Sicht als Autor und aus meiner Sicht als Leser aber einfach nicht ersichtlich ist:

Warum lesen Menschen sowas wie diese Zeitungen?

Warum verwenden hunderttausende von Menschen, Gehirnträger wie wir, einen Teil ihrer Zeit damit, reihenweise Klatsch-Zeitschriften zu lesen, deren Geschichten weder wichtig, noch wahr, noch gut geschrieben sind? Oder besser: Was ist es denn bitte sonst, was einen zum Lesen bringt?

Dass man sich die neuesten Nachrichten lieber im Hetzblatt Bild reinzieht, weil sie die eigenen Vorurteile untermauert und wenigstens schnell auf den Punkt kommt: Finde ich persönlich scheiße, aber ich kann es nachvollziehen.  Warum aber sollte man etwas lesen, das schlecht wie die Bild ist, aber die wenigen wahren Geschichten durch unwahre ersetzt und den Politikteil durch Kuchenrezepte?

Was bewegt Menschen dazu, überhaupt zu lesen, wenn sie bei Kaiser’s 5 Zeitschriften für zusammen 4 € kaufen und auf jedem Titelblatt steht etwas, das dem vorherigen widerspricht? Ich mag in dieser Welt vieles nicht, ich akzeptiere vieles nicht. Aber bei diesem Verhalten setzt schlicht und ergreifend mein Verstand aus.

Ich bin ein Vielleser. Und ich lese viele verschiedene Dinge. Wenn ich nach dem Aufstehen den Feedreader aktualisiere, finden sich für gewöhnlich etwa 80 bis 150 Einträge darin. Da finden sich News-Meldungen der Tagesschau neben ibash-Zitaten, neue Forschungsberichte von den Scienceblogs neben privaten Blogeinträgen. Ich folge vielen Jobbloggern und bevor ich zur Arbeit gehe oder selbst etwas schreibe, habe ich mit allen interessanten Links zwischen 150 und 200 mehr oder weniger lange Texte gelesen. Das selbe wiederholt sich nach der Arbeit nochmal. Zwischenrein gibt es noch Twitter, Facebook und den ein oder anderen Kleinkram. Nebenbei lese ich am Taxistand oder im Bett noch ein bisschen an einem Roman weiter. Oder mal 3 Artikel der Wikipedia neben dem Essen her.

Fakten, Meinungen, Neuigkeiten – und durchaus auch Einblicke ins Privatleben anderer Menschen.

In diesem Umfang will und kann das nicht jeder, das kann ich sehr gut verstehen. Umso mehr aber denke ich, dass ich – wenn ich schon nur wenige Informationen lesenderweise aufnehme – gerade die guten Sachen lesen will. Oder die wichtigen, wenigstens aber wahre.

Kann mir irgendwer einen schlüssigen Erklärungsansatz liefern?

Die Theorie mit den hirntoten Zombies hatte ich schon, gibt es noch andere?

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Eine Frage des Titels?

Der Bundespräsident (sowohl der geschiedene als auch der folgende) sind ja gerade in aller Munde. Das Amt gilt als schwer angeschlagen, die Meinungen dazu sind vielfältig, einzig dass man es wirklich braucht, traut sich keiner zu sagen. Das ist der Würde des Amtes natürlich alles andere als angemessen, und einen Schluffi haben wir deswegen ja schon in der Rolle verloren. Ihr merkt, ich will eigentlich gar nix zum Thema schreiben. Ist auch richtig, ich stöbere nur gerade mal wieder (meine Liebe zur Sprache schließt wie jede Liebe auch kleinere Perversionen ein) zwischen lustigen Anagrammen und bin bei Ideen zu Wörtern auch auf den Bundespräsidenten bekommen.

Der einzige Sinn der Sache ist, dass ich jetzt empfehlen kann, wie man das Amt künftig nennen könnte. Was beim Arbeitsamt geklappt hat, sollte doch auch bei diesem Amt funktionieren. Der Vorteil meiner Idee: Sie ist halbwegs kostenneutral, da man mehrheitlich keine neuen Buchstaben an die entsprechenden Häuser kleben müsste. Deswegen habe ich das ä durch ein a ersetzt. So gewinnt man sogar ein paar Punkte, die man gerne nach Flensburg schicken kann, damit denen der Nachschub zum Verteilen nicht ausgeht.

Das hier könnte also künftig am Schloss Bellevue stehen:

Sparbudendienst
Seebad und Sprint
Sir Bundespedant
ISDN per Datenbus
Absurde DNS-Pinte
Bandit und Presse
Band des Puristen
Sausend BRD-Pinte
Stupide BRD-Nasen

Würde man mich fragen, ich würde mich ja für folgendes entscheiden:

Der Bundesspinat

So, das war nun genug Schwachsinn für diesen Monat. 🙂

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Zeugensverweigerung

Ich habe ein seltsames Verhältnis zu religiösen Menschen. In einem Punkt sind wir uns sehr ähnlich: Wir bemitleiden einander. Während sie es tragisch finden, dass ich ihren imaginären Freund nicht kenne, finde ich tragisch, dass sie einen imaginären Freund brauchen, um mit der Welt klarzukommen. Aber ich klingel deswegen nicht an ihrer Wohnungstür…

Ich bin eigentlich froh, dass die Zeugen Jehovas niemals geklingelt haben, wenn ich gerade zur Tür gegangen bin. Ich bin zwar friedfertig und freundlich, kann für solche Fälle allerdings nicht ausschließen, sie ggf. mit Obszönitäten wieder loszuwerden, die vielleicht strafbewehrt wären. Im Großen und Ganzen leben wir in einem Gebiet, dass für diese Typen gleichermaßen Himmel wie Hölle sein muss. Ist das schon Blasphemie? Na egal, kommt noch…

Wir leben hier in unseren Plattenbauten dicht gedrängt und meist noch nicht von Gott erlöst. Gute Geschäftsbedingungen: Man kann ohne viel Fußweg gleich viele Schäfchen zur Herde geleiten. Der Nachteil: Auf diesem Gebiet wurde 40 Jahre lang der Atheismus als (Neben-)Staatsprinzip gelehrt und wenn nötig auch mit Gewalt durchgesetzt. Die Aussicht, hier auf offene Ohren zu treffen, ist entsprechend gering.

Die ersten, die hier aufgeschlagen sind – vor Ewigkeiten schon – haben sich präsentiert wie die 80er persönlich. Also die 1880er. Lange Mäntel, Hut – und anbei ein kleines Büchlein, das sie sorgsam so abdeckten, dass man den Titel nicht sehen konnte.

„Wir wollten uns einmal mit ihnen unterhalten, hätten Sie…“
„Nein, kein Interesse an der Bibel!“
„Aber wir haben doch extra…“

Der eine hielt das Buch nun noch fester, der andere war sichtlich enttäuscht, dass ihre Tarnung so schnell aufgeflogen ist. Ganz großes Kino 🙂

Neulich war dann wieder einmal Idiotenalarm angesagt. Die Klingel verkündete Leute unten vor der Haustüre (sehr löblich, dass die das unterscheidet!).

„Ja?“

Normalerweise kann man hier dann erwarten, dass einsilbige Worte in die Sprechanlage genuschelt werden:

„Wrm!“ (Werbung)
„Ket!“ (Paket)
„Post!“ (Post)

Gelegentlich auch heulende Kinder, die von ihren Eltern ausgesperrt wurden, dieses Mal aber nicht:

„Hallo, mein Name ist Irmgard Knödelwolle*. Wir kennen uns noch nicht. Neben mir steht Frau Isabell Knorkenfratz* und wir wären interessiert, ob Sie vielleicht, also wenn Sie wollen, wir wären, also sind, wir haben da etwas, das, wenn es Sie interessiert, dann könnten wir, wir wollen nicht stören, wir haben nur, ihr Interesse vorausgesetzt…“

Ozie wartete mit besorgniserregenden Falten auf der Stirn darauf, dass die Sprechanlage gleich die Verbindung unterbricht, weil das Ding nunmal nicht auf Live-Hörspiele mit Psychiatrie-Insassen, sondern für kurze Nachfragen konzipiert wurde. Aber sie schafften es noch, auf den Punkt zu kommen:

„Könnten Sie sich vorstellen, Hilfe und Antworten in der Bibel zu finden?“

Katze aus dem Sack. Endlich!

„Nein!“

Und warum gibt Gott euch Spinnern eigentlich keinen Hinweis darauf, wo ihr auf Granit beißt, wenn der Gute doch alles weiß? Schon mal DARÜBER nachgedacht, ihr Heilsbringer?

PS: Toller Cartoon zum Thema!

*Namen geändert

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Die Geschichte von Jan (7)

Alexa war am nächsten Morgen deutlich eher wach als Jan. Kurioserweise lässt es sich damit erklären, dass Jan am Vortag nicht so fertig war wie sie. Jan schlief zwar bis zur Mittagszeit seinen Schlaf der Gerechten, allerdings hatte er damit auch erst begonnen, als Alexas Füße gelegentlich schon wieder unwillkürlich zuckten, wenn Geräusche von der Straße in das Zimmer fluteten.

Angefüllt von Tatendrang riss sie bereits kurz nach Sonnenaufgang die Fenster der Küche und ihres Zimmers auf, machte sich einen Tee zum Frühstück und saß mit ihrem Laptop am Küchentisch, um sich die neuesten Nachrichten reinzuziehen und all das, was das Netz sonst noch so hergab. Die kühle Luft und der warme Tee als Kontrast dazu ließ sie erstaunlicherweise fast mehr aufblühen als die vergangenen Urlaubstage, in denen sie das selbe deutlich extremer jeden Morgen hatte.

Sie packte ihre Dreckwäsche in die Waschmaschine, putzte in der Küche die paar Ecken, die Jan vergessen hatte und blühte Minute um Minute mehr auf. Sie traute nicht, sich einzugestehen, dass sie eigentlich ein sehr häuslicher Typ war und es genoß, in ihren eigenen vier Wänden zu sein. Über ihren bevorstehenden Einkauf mit Jan sinnierend, beschloss sie, gleich zur Sparkasse zu gehen und etwas Geld abzuheben. Ihre EC-Karte machte hin und wieder beim Bezahlen Probleme, sie war schon reichlich abgenutzt, das wollte sie heute nicht unbedingt im Plus erleben. Sie freute sich ohnehin auf einen Spaziergang und wusste genauso, dass Jan – der alte Stubenhocker – hoch erfreut wäre, wenn sie nicht erst zum Schlesi laufen müssten, um Geld abzuheben. Erneut kostete sie von der kalten Morgenluft, die leicht abgasgetränkt zum Fenster hereinwehte.

Die Geräusche in Jans Zimmer nicht vernehmend, begab sie sich in den Flur, um sich straßentauglich anzukleiden. Ihre Jacke unter den Arm geklemmt, kniete sie sich nieder, um sich die Schuhe anzuziehen.

Bereits 5 Minuten zuvor war Jan erwacht und hatte sich aus dem Bett geschwungen. Die erste Zeit des Tages verbrachte er gerne alleine, obwohl er – wie ihm vielfach attestiert wurde – im Gegensatz zu anderen Menschen morgens eine geradezu hervorragende Laune zu entwickeln in der Lage war.  Der erste Gang führte ihn wie immer zum PC. Die am Bettrand befindliche abgestandene Cola nuckelnd vertrieb er auf dem Weg dorthin den Geschmack gebratener Katze aus seinem Mund. Bevor er kurz nachsah, ob er wichtige eMails bekommen hatte, streckte er sich ausgiebig, kratzte sich ohne es wirklich zu bemerken dort, wo Frauen sich nicht kratzen können und versuchte, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Durch seine Dusche am Vortag roch es wenigstens nicht komisch, obwohl er sich gerade an seinen Weichteilen gekratzt hatte. Was für ein herrlicher Morgen!

Sein PC verriet ihm nichts neues, so sehr er auch suchte. Sein spärlich bestückter Blog lockte nur all Schaltjahr Kommentatoren an, seine Facebook-Freunde waren langweiliger als er (außer denen, deren Abonnements er gekündigt hatte, weil sie so geschwätzig waren) und so früh am Morgen, also Mittag, war auch noch nichts weltbewegendes passiert.

Er hörte ein leises Rascheln von Klamotten vor seinem Zimmer und vermutete, dass Alexa wohl schon wach sei. Den Einkauf wollte Jan zwar gerne noch hinauszögern, aber er freute sich auf seine Mitbewohnerin, in den letzten Tagen hatte sie ihm doch irgendwie gefehlt. Er sprintete zur Tür seines Zimmers, riss sie auf und setzte damit eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang.

Alexa erschrak fürchterlich, als nur 5 Zentimeter von ihrem Kopf entfernt die Türe aus dem Rahmen sprang und taumelte im Schreck – noch in instabiler Körperlage wegen der Unzugänglichkeit ihrer Sneaker – rückwärts gegen das Regal.

Das Regal – eine Eigenanfertigung von Jan in den Gründungswochen der WG – ragte bedrohliche 2,50 Meter in die schier unendliche Höhe des Kreuzberger Altbaus und enthielt so ungefähr alles, was man sich in einer WG einmal anschafft, um es nach dem ersten Gebrauch wieder zu vergessen. Blumentöpfe, Werkzeuge, Bastelmaterialien und Pfandflaschen. Beispielsweise. Also nicht beispielsweise, das ist so gewesen.

So. Und all der Plunder regnete nun auf Alexa herab, als sie nach ihrem Aufprall auf dem untersten Brett ebenso zurückfiel wie das Regal nun selbst. Mehr oder minder hilflos auf dem Rücken liegend traf sie zunächst aus dem niederen Bereich des Sammelsuriums eine verschlossene Plastikbox, die ungefähr so viele verschiedene Schrauben und Winkel enthielt, wie nötig gewesen wären, um die Hochbahn an der Skalitzer Straße notdürftig in Betrieb zu halten, sollte ein Erdbeben der Stärke 6 mal an ihrem Fundament zerren. Mehr noch hätten die Schrauben freilich ausgereicht, um das Regal fachgerecht an der Wand zu befestigen, aber dieser Gedanke war sowohl Alexa – jetzt mit blauem Auge – und Jan – jetzt vor Panik kreischend – erkennbar fremd.

Es war nicht die an sich harmlose Verletzung im Gesicht, die Alexa später dazu bewog, Jan zu sagen, dass sie so selbstverständlich nicht auf die Straße gehen könne. Unabhängig vom kleinen Restfunken Eitelkeit in ihr sah sie tatsächlich reichlich zombiehaft aus, was nicht zuletzt von der Dose weißen Lacks herrührte, die sich aus den oberen Etagen des Regals herabstürzend über sie und so ziemlich den kompletten Rest des Flurs ergossen hatte.

Hätte man Jan gefragt, hätte er gesagt, sie sähe aus wie ein ziemlich unheimliches Gespenst. Alexa hingegen fühlte sich wie eines, hatte aber keinerlei Bedürfnis, derartige Vergleiche zu hören. Schuldbewusst und vom epischen Ausmaß der Sauerei verschüchtert, traute Jan sich ohnehin nicht viel zu sagen. Dass Alexa ihn verantwortlich machte, war in ihren Augen zu lesen.

Höchste Zeit für ein Friedensangebot!

Wie soll Jan auf die Situation reagieren?

  • Er geht alleine einkaufen. (32%, 31 Votes)
  • Er schmollt, weil er nunmal nicht schuld ist. (27%, 26 Votes)
  • Er bestätigt Alexa, dass es gar nicht so schlimm aussähe. (22%, 22 Votes)
  • Er verspricht, alleine die Wohnung zu säubern (19%, 19 Votes)

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Habi!!!

Irgendwann in den nächsten Tagen werde ich wohl auch mal wieder eine eigene Pflanze besitzen. Die Tatsache, dass ich das bisher noch nicht tue, liegt weniger darin begründet, dass ich Pflanzen nicht mag, sondern mehr in meiner Arglosigkeit, mit der ich sie irgendwann versehentlich sterben lasse.

Aber – mein Glück – Pflanzen haben noch keine Möglichkeit gefunden, es einem übel zu nehmen. Sicher, sie werden braun, hässlich und irgendwann verholzen sie, aber zu dem Zeitpunkt, zu dem sie mich ärgern, weil sie sich nicht mehr problemlos in einen Bio-Müllbeutel pressen kann, wäre auch jede Hilfe zu spät.

Dass ich gerne eine Pflanze hätte, ist also eigentlich ein Wunsch, der so sinnig ist wie der der Nachbarn über uns nach einer Familie: Gar nicht. Während die Nachbarn schreien, toben und Gegenstände durchs Haus werfen, wird bei mir irgendwann der Tag kommen, an dem ich feststellen werde:

„Huch, dich gibt es ja auch noch!“

Daraufhin werde ich dem knusprigen Freund einen Liter Wasser verpassen, er wird nach langer Trockenzeit schlichtweg ersaufen und das war es dann. Ein Ende, dass ich der Familie über uns nicht wünsche, aber auch nicht ausschließen kann…

Nein, im Ernst: Ich möchte mich mal wieder mit einem Einzelversuch an Pflanzen herantrauen. Eine komplette Wohnung voller Grünzeug überfordert mich garantiert, schließlich ist unsere Wohnung so groß, dass ich manche Zimmer nur selten betrete. Aber eine Pflanze, noch dazu eine, die meine Liebe erwidert, die wird es hoffentlich schaffen.

Butter bei die Fische: Ozie hat heute Samen bestellt und neben anderen capsaicinhaltigen Köstlichkeiten in ihrer Obhut werde ich mich heranwagen, selbst eine Habanero-Pflanze großzuziehen. Bei meinem gering ausgeprägten grünen Daumen wird das nur klappen, wenn ich mir auch was davon verspreche – insofern sind Habis ja das Beste, was mir unterkommen könnte. Denn direkt nach Kartoffeln, deren vielfältige Verwendung natürlich weit über die von Habaneros herausgeht, kann man wohl sagen, dass dies meine Lieblingsfrüchte sind.

Ob mein kleiner mir noch unbekannter Liebling mir anders als sein Vorgänger aber auch tatsächlich Früchte bescheren wird, weiß ich natürlich noch nicht. Das beste Anbaugebiet ist Berlin im Vergleich zu Mexico beispielsweise ja eher nicht.

Aber ich werde euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten über dieses Experiment 😀

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Die Geschichte von Jan (6)

Nach der Odyssee durchs deutsche Schienennetz hätte Alexa auf der Stelle einschlafen können. Abgesehen von der nicht unbedeutenden Tatsache, dass sie eigentlich nicht wirklich müde war. Eher erschöpft. Das freilich hing auch damit zusammen, dass sie den ganzen Tag nicht wirklich etwas essbares herunterbekommen hatte. Nachdem sie sich nach dem Zufallsprinzip einiger Klamotten entledigt hatte, packte sie ihren immerhin noch lauwarmen Döner aus und setzte sich an ihren Tisch.

Ihre Gedanken kreisten zwischen „Das ist jetzt aber auch typisch Berlin!“ und „Gott sei Dank bin ich nicht so doof und hab mich darauf verlassen, dass was zu essen im Haus ist.“

„Alex? Teechen?“

Jans Stimme hallte vertraut und doch für diesen stillen Moment unangenehm laut durch den Flur ihrer Wohnung.

„Äm, Meimebwebm! M‘ Fwarbfm!“

„Bitte was?“

Jans Kopf streckte sich durch den Türspalt. Alexa schluckte hastig ihren letzten Bissen herunter und artikulierte geringfügig deutlicher:

„Meinetwegen. Einen schwarzen Tee hätte ich gerne!“

Ein kurzes beiderseitiges Lächeln später war Jan in der Küche verschwunden und bald darauf hörte sie Tassengeklimper und das unstete Rauschen und Gluckern des Wasserkochers. Sie überließ den fetttriefenden unteren Rand ihres Fladenbrotes dem Müll, als Jan verkündete, der Tee sei fertig. Abgekämpft – und jetzt auch noch völlig überfressen – schleifte Alexa sich in die Küche, wo sie bereits ein grinsender Mitbewohner mit 2 dampfenden Tassen in den Händen erwartete. Er wirkte ziemlich übermotiviert für ihr Empfinden, obwohl er mit seinen dreckigen Tennissocken, den karierten Boxershorts und seinem „Berlin ist pleite“-T-Shirt nicht gerade den Eindruck erweckte, arbeitsgeil zu sein.

„Also: Wie war die Fahrt?“
„Nervig. Verspätung, kalter Zug, ich bin froh, endlich da zu sein…“
„Nein, ich mein‘ jetzt insgesamt!“
„Ach so, ich…“

In diesem Moment sorgte ein für die beiden kaum spürbarer Luftzug dafür, dass Jans Zimmertüre am Ende des Flurs mit vernehmlichem Krachen ins Schloss fiel. Der Schreck für beide war groß. Da sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie tot umfallen oder wegrennen sollten, setzten beide ihre Panik in einer recht unglücklichen Übersprungshandlung um und schütteten sich ihren heißen Tee gegenseitig aufs Hemd.

Die folgenden anderthalb Minuten enthielten 35 „Ah!“ in unterschiedlichen Lautstärken und Tonhöhen, einige ziemlich unappetitliche Flüche, gegenseitige Schuldzuweisungen und ein Gerangel ums Waschbecken mit dem kalten Wasser. Wie in den meisten unschönen Situationen, die die beiden schon durchzustehen hatten, entspannte sich die Lage aber auch jetzt sehr schnell und nachtragend waren sie ohnehin nicht. Sonst wären sie zweifelsohne nie zusammengezogen.

Die nächste Runde Tee wurde wesentlich vorsichtiger genossen, zumindest von Alexas Seite aus. Sie hatte ihr nasses Shirt gegen einen Pullover getauscht. Jan hingegen hatte sich nur des alten Shirts entledigt und saß nun mit freiem Oberkörper am Küchentisch, was im Übrigen sehr gut mit der Umgebungstemperatur harmonierte, die dank des altmodischen Heizkörpers, der nur die Einstellung „Wüste“ und „Wostok“ kannte, recht hoch war.

Dass Jan mit seiner begeisterten Begeisterungslosigkeit bezüglich Sport nicht ganz so gut trainiert war wie die Truppe aus der Schweiz, über die sie gerade erzählte, fiel Alexa gar nicht auf, als sie ihn fast nackt am Tisch sitzen sah. Irgendwie war er immer noch ihr Typ. Diese Gedanken schlichen sich immer mal wieder ein, das hatte nicht viel zu bedeuten. Damals, als ihre Beziehung mit seinem Coming-Out ein eher spontanes Ende genommen hatte, war das natürlich für beide nicht leicht gewesen. Heute schmunzelte sie eher darüber, dass sie immer noch mit ihrem ersten Freund zusammen wohnte, auch wenn sich zwischenzeitlich herausgestellt hat, dass er schwul war.

Ihre Erzählungen zur Reise waren bestenfalls farblos zu nennen. Eigentlich war sie viel lieber wieder in Berlin und wollte eher wissen, was sich während ihrer Abwesenheit hier so ereignet hatte. Dass Jan da der falsche Ansprechpartner war, war ihr bewusst. Seine gelegentlichen Meldungen bei Facebook bestanden meist aus Links zu Filmen, die er sich ansah und aus einzelnen Worten wie „Bier!“, „Spinat!“ oder „Katerfrühstück“. Daraus auf die aktuelle Situation in der deutschen Hauptstadt zu schließen, war nicht mal Alexa möglich, so gut sie Jan auch kennen mochte.

Der Tee entfaltete indes seine Wirkung und neben der langweiligen Erzählung über eigentlich ziemlich geile Urlaubstage beschloss sie, den guten Jan in den nächsten Tagen mal wieder ein bisschen vor die Türe zu zwingen – ganz egal, wie sehr er sich auch wehrte. Sie beendete die Ausführungen über ihren letzten Tag auf der Hütte und fügte an:

„Morgen mal wieder WG-Einkauf? Kaum noch Zeug da.“
„Hmm, krieg am 15. erst Kohle.“
„Ich leg’s aus.“
„Mhm, naja, warum nicht?“
„Warum nicht? Sollen wir die ganze Woche nur Tütensuppen…?“
„Mach ich schon seit vorgestern, die müssen auch mal weg!“
„Junge, Jan! DU musst auch mal weg. Wir latschen morgen mal zum Plus rüber. Meinetwegen auch nachmittags.“

Lachen. Der Rest des Abends verlor sich in Anekdoten über dies und das. Hier nochmal ein bisschen Schweiz, dort ein bisschen WG-Vergangenheit, viel privates. Ihr Schlaf und der von Jan schenken sich nichts. Sie erschöpft von der Reise, er vom Aufräumen, träumten sie beide einen Haufen wirres Zeug, an das sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnerten.

Was soll die beiden vor dem Einkaufen überraschen?

  • Irgendwas total absurdes. (59%, 69 Votes)
  • Ein Kumpel kommt spontan zu Besuch. (24%, 28 Votes)
  • Alexas Geldbeutel wird geklaut. (9%, 11 Votes)
  • Sie finden noch Essen. (7%, 8 Votes)

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