Und wer denkt an uns?

Klaus hat einen sehr lesenswerten Artikel über einen Artikel der Zeit geschrieben. Dabei geht es um ein Urteil, dass z.B. Richter Ballmann auch beschreibt. Puh, komplex aber dennoch lebensnah: Das Bundesverfassungsgericht erklärt das Berliner Ladenschlussgesetz für teilweise verfassungswidrig.

Dass das Berliner Ladenschlussgesetz, das auch mir z.B. bis Silvester noch tägliches Einkaufen erlaubt, nicht allen passt, mag ich akzeptieren. Aberwitzig wird es aber, wenn sich das Gericht dabei unter anderem auf meines Erachtens nach viel zu alte Gesetze und moralische Vorstellungen beruft.

Ich denke, wir sind uns ja einig, dass der Mensch freie Tage braucht. Ich bin selbst einer derjenigen, der 5 Tage die Woche arbeitet, und nicht 6, wie es wahrscheinlich die meisten in meinem Gewerbe tun. Und ich finde es grundsätzlich wichtig und richtig, dass zumindest ein freier Tag auch gesetzlich geschützt ist. Aber es ist nun ja auch nicht so, dass wir in einer Gesellschaft leben würden, in der wir die Möglichkeit hätten, allen am selben Tag eine Pause zu gewähren. Zumindest die notwendigste Versorgung muss an Sonntagen so oder so gewährleistet werden, da ist man sich doch wohl einig, oder?

Und wenn jetzt aber schon die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus und die Sicherheitsleute im Kraftwerk an diesem ganz toll schützenswerten Tag arbeiten müssen, warum haben ausgerechnet diese geschundenen Menschen dann keinen Anspruch auf ihren Kaffee in der Mittagspause?

So lange es irgendwelche Leute gibt, die Sonntags arbeiten müssen, behindern wir sie damit, dass die anderen nicht dürfen. Klar kann man darüber streiten, ob es eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist, Sonntags um 23.55 Uhr den Wocheneinkauf zu erledigen – aber dagegen, dass Tankstellen im Notfall Tampons anbieten, hat wiederum keiner etwas.

Ich halte das für etwas verlogen und denke, dass es ein gutes Beispiel dafür ist, dass das Gesetz der gesellschaftlichen Realität hinterherhinkt. Schade, dass das jetzt auch noch bestätigt wird.

Genauso ist es doch mit der Nachtarbeit. Ich komme da auch aus so einer lustigen Familie. Ich glaube, mein Vater geht immer noch nicht nach 18 Uhr einkaufen, weil er die Ausbeutung der Arbeiter als alter Gewerkschafter nicht unterstützen möchte. Aber ich bin nach einem Abend in der Kneipe mit ihm auch schon im Taxi heimgefahren…

Wichtig ist doch nicht, wann die Leute ihre Freizeit haben, sondern dass. Und da kann man meinetwegen noch einiges machen. Aber doch nicht durch die Reaktivierung überholter Normen bitte…

15 Comments

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15 Responses to Und wer denkt an uns?

  1. Das ist aber keine Reaktivierung alter Normen. Das ist Bestandteil des Grundgesetzes. Art. 139 WeimVerf.“Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Integriert in Artikel 140 GG. Dieses Grundgesetz hätte aber 1990, als die DDR der Bundesrepublik zugeschlagen wurde, geandert werden müssen, da es von den Verfassern nur bis zur deutschen Wiedervereinigung vorgesehen war. Was ich an der Begründung dieses Urteils nicht verstehe: Verkaufsoffene Sonntage sind nicht grundsätzlich verfassungswidrig sondern nur die vier im Adventssonntage hintereinander. Liebes Verfassungsgericht: Entweder-oder.

  2. Susanne StoHelit

    Richtige Entscheidung ! Die Begründung des Urteils passt mir auch nicht unbedingt aber in der Sache ist es richtig. Der Sonntag sollte der Familie gehören. Es ist doch Schwachsinnig wenn jemand behauptet er hat 6 Tage die Woche nicht geschafft einzukaufen. Und die Einstellung deines Vaters finde ich auch richtig. Er ist Überzeugungstäter und mir dadurch sympatisch.
    Ich arbeite in der Gastronomie, und nur weil ich und andere Dienstleister arbeiten, wenn halt alle anderen freihaben heisst doch noch lange nicht das sich alle anderen auch das Wochenende versauen sollen.

  3. lenni

    warum braucht man für so etwas Gesetze?

  4. Aro

    @Susanne StoHelit
    Wenn Vadder Taxi fährt und Muttern im Krankenhaus arbeitet, dann ist aber nix mit Familie. Außerdem, wenn du in der Gastronomie arbeitest: Reicht es nicht, 6 Tage in der Woche Essen ode Trinken zu gehen, muss es unbedingt auch noch am Sonntag sein?
    Ich möchte es gerne selber bestimmen, und wenn ich innerhalb der Woche arbeiten muss, dann freue ich mich, wenn ich am WE mal ohne Zeitdruck einlaufen kann und z.B. auch in verschiedenen Läden erstmal kucken kann.
    Mein „Sonntag“ hier zu Hause ist z.B. der Freitag (wie passend), da haben wir nämlich immer beide frei 🙂

  5. @Klaus:
    Ich finde eine Berufung auf derart „alte“ Gesetze, sowie auf kirchliche Ursprünge in der heutigen, zweifelsohne schnelllebigen und globalisierten Welt dennoch antiquiert. Gut, das ist natürlich ggf. eher ein Grund, über die Abschaffung/Änderung solcher Gesetze nachzudenken – aber daran liegt mir auch. Dass das Gericht sich rechtlich ordentlich entschieden hat, das nehme ich als Laie jetzt mal so hin – aber darum geht es mir nicht. Ich meine, nicht ohne Grund sind die Gesetze für die Umweltverträglichkeit von Autos auch nicht mehr aus den Siebzigern.
    Hier hat sich gesellschaftlich zu viel getan, als dass man sich daran aufhängen sollte.
    Aber wie bereits eingeräumt: Das ist natürlich weniger ein Problem des Gerichts als mehr des Gesetzgebers.

  6. @Susanne StoHelit:
    Da kann ich nun wirklich nicht zustimmen. Dass ich nicht unbedingt sieben Tage die Woche zum Einkaufen brauche, das mag sein. Obwohl ich zu den verwöhnten Leuten gehöre, die bis zu dreimal am Tag einkaufen gehen. Aber das tut ja mal nichts zur Sache.
    Dass ein Tag der Familie gehören sollte, ist ja nicht falsch. Aber warum der Sonntag?
    Zugegeben: Die Idee eines einheitlichen Tages, an dem jeder garantiert Zeit hat, ist nicht die schlechteste. Aber ich brauche nicht einmal ein Freund der Schnelllebigkeit und der Globalisierung zu sein, um zu sehen, dass das nicht geht. Aro hat ja ein gutes Beispiel gebracht. Eine gewisse Grundversorgung muss in dieser Gesellschaft gewahrt werden. Ich denke, keiner von uns will ernstlich, dass Ärzte, Polizisten und Feuerwehrleute Sonntags grundsätzlich auch in Notfällen nicht arbeiten. Und wenn diese Leute nun den hochheiligen freien Tag arbeiten müssen, dann ist es doch auf der anderen Seite nur fair, wenn ihnen an diesen Tagen auch möglich ist, diverse Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Ob das nun der öffentliche Verkehr, die Gastronomie oder eben der Einzelhandel ist.
    Ich persönlich halte nichts davon, für jeden Teilbereich Sonderregelungen rauszuschlagen. Wir leben doch nicht mehr in einer Welt, in der man die Dinge so strikt trennen kann. Wenn der Patient Sonntags zum Arzt muss, holt er sich ein Taxi. Damit der Fahrer tanken kann, macht die Tanke auf. Damit diese Sprit hat, liefert der Lieferant auch Sonntags… solche Ketten hast du doch überall.
    Aber einen dunklen Sonntag, an dem eben im Notfall alle sterben, DEN will dann auch wieder keiner!
    Wenn es dein Anliegen ist, die Welt ein wenig zu entschleunigen, ein wenig arbeitnehmer- und familienfreundlicher zu machen, dann stimme ich dir zu. Aber das wird nicht über irgendein Sonntagsverkaufsverbot zu erreichen sein.
    Und du vergisst die vielen Leute, die überhaupt nichts dagegen haben, Sonntags zu arbeiten. Auch die tun es nicht alle aus ökonomischen Zwängen. Und wenn, dann ist das eher Sache der Sozialgesetzgebung oder des Arbeitnehmerrechts. Ich persönlich halte es eben für eine heutzutage sinnlose Einschränkung.
    Im Übrigen mag ich meinen Vater wegen seines überzeugten Kampfes gegen eine in seinen Augen ungerechte Maßnahme ja durchaus auch 🙂

  7. @Aro:
    Meine Meinung, aber das war ja eh klar… 🙂

  8. Ich bin gestern fast hinten rüber geschlagen,als ich das in den Nachrichten gehört habe. Ich komm mir dann immer so vor,als wenn wir noch in der Steinzeit leben würden. Das Beste aber daran ist,das auch nächstes Jahr die Adventssonntage geöffnet sein können,wenn eine Veranstaltung nebenher läuft ;-).Habs grade nicht gefunden,aber in dem Kommentar gestern wurde es gesagt,denn die Anzahl der verkaufsoffenen Sonntage wurde ja nicht beschränkt.
    Wieso müssen eigentlich Menschen,die in gewissen Verkaufsberufen arbeiten, vor der Sonntagsarbeit beschützt werden?
    Wieso glauben die Kirchen eigentlich immer noch,dass Gott nur Sonntags zuhört? Und wieso wird erwachsenen ,mündigen Bürgern vorgeschrieben,wann sie einzukaufen haben?
    Alle anderen Berufe dürfen Schichtarbeiten ,dürfen ihre freien Tage selbst einteilen,dürfen teilweise rund um die Uhr arbeiten(Bereitschaftsdienste) und bei den VerkäufernInnen geht ein Aufschrei durch Kirchenbänke ,Wohnzimmer und Verdibüros. Wieso eigentlich? Sind die besonders schützenswert?
    Nirgendswo steht doch,dass eine VerkäuferIn rund um die Uhr arbeiten muß. Es gibt Schichtdienst,und es sollte doch wohl nicht so schwer sein,dass auch in dieser Branche einzuführen.
    Auch sollten sie froh sein,wenn wenigsten am Wochenenden Menschen zum entspannten Einkaufen kommen,ohne diesen Zeitdruck im Nacken,schnell nach der Arbeit los zuhetzen und das allernötigste eben zu holen.Dann müßten sie doch froh sein,wenn dadurch ein paar mehr Arbeitsplätze geschaffen worden wären.
    Das die Richter der Argumentation der Kirchen gefolgt sind,der Sonntag gehört der Familie,hat mich echt erstaunt gestern. Die meisten haben doch eh nicht mehr Sonntags frei.Ich glaube,die Deutschen lernen das nie.
    Dieses Thema regt mich immer auf,sorry,wenn das etwas konfus geraten ist 😉

  9. @Sigrun:
    Ich kenn das 😉
    Aber vielleicht muss man mal einen Job gemacht haben, bei dem man gerne Sonntags gearbeitet hat, um das so zu sehen. Ist eine meiner Theorien dazu.

  10. Aro

    Sind die Weihnachtsmärkte dann künftig am Advent zu?

  11. Was mich bei dieser Scheinheiligkeit der Kirchen immer zur Weißglut bringt, ist, dass die idyllische Familie in ihrer „Besinnung“ immer wie selbstverständlich anderer Leute Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Wenn, dann bitte konsequent wie bei den orthodxen Juden.

  12. Um das Beispiel von Aro aufzugreifen… Bei mir ist es nämlich haargenau so. Meine Mutter arbeitet Schichtdienst im Krankenhaus auf der Intensivstation, mein Vater ist hauptsächlich Taxi gefahren. Ich kann mich nur an sehr wenige Wochenenden erinnern, wo ich beide mal gleichzeitig gesehen habe. Und ganz ehrlich, ich hatte und habe damit kein Problem.

    Und zu dem nicht nach 18 Uhr einkaufen… Meine Zeit, als ich hauptberuflich Taxi gefahren bin, sah so aus, dass ich morgens um 6 Uhr ins Auto bin und abends um 18 Uhr eben wieder raus. Das ganze dann 5 Tage die Woche und Samstags alle 2 Wochen auch. Wann sollte ich denn dann einkaufen gehen? In meiner Mittagspause, in der ich gerne auch mal was essen würde? (Hier ist das Fahrverhalten in der Kleinstadt auschlaggebend. Wir haben unsere eigene Funkzentrale, über die nur 3-4 Autos koordiniert werden. Da kann man während der Arbeitszeit nicht mal eben einkaufen gehen. Ich denke mal, dass es in der Großstadt etwas anders zugeht.)
    Jetzt ist es übrigens nicht wirklich besser, ich fahre um 7:15 Uhr los, damit ich von 8-17 Uhr arbeiten kann. Und zuück bin ich dann entsprechend um 17:45… Da bleibt auch nicht mehr viel übrig.

    Der Sonntag ist in meinen Augen kein schützenswerter Ruhetag. Ein Tag in der Woche zur ruhe zu kommen ist meines erachtens viel viel wichtiger. Denn gerade im Gesundheitswesen ist es gang und gebe, dass man 12 Tage arbeitet und dann 2 Tage frei…

  13. @Aro:
    Hmm, interessante Frage 🙂
    Wäre doch mal ein guter Schritt hin zu mehr Besinnung und weniger Konsumterror.

  14. @Klaus:
    Tja, Konsequenz ist in diesen Kreisen wohl eher nicht das Wort der Wahl…
    Ich würde mich ja auch dem Vorschlag anschließen, dass wir einfach die Feiertage aller Religionen übernehmen und mit entsprechenden Zuschlägen dennoch arbeiten gehen 🙂

  15. @blauerblubb:
    Na da bist du ja ein gutes Beispiel gegen die Geschichte 🙂
    Ich meine, ich kann der Arbeitszeitregelung, die du für das Gesundheitswesen anbringst nichts abgewinnen und würde da auch für eine Änderung plädieren – aber weswegen muss man sowas über Ladenöffnungszeiten machen und nicht über Arbeitnehmerschutzgesetze?
    Dass man dabei an den Sonntagen festhält, finde ich einfach nur komisch.

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